In der Mittagspause beim Praktikum…

… unterhalte ich mich mit einer Kollegin. Das Thema: Vorträge halten. Ich erzähle davon, dass ich bei meiner Bachelorprüfung einen Nachteilsausgleich beantragt habe und den Vortrag ’nur‘ vor den Professoren halten musste. Davon, dass diese keinerlei Verständnis für meine Schwierigkeiten hatten. Die Kollegin hat vorher auch an der Uni gearbeitet und Prüfungen abgenommen. Sie betont mehrfach, wie sie dabei immer die empathische Rolle eingenommen hat. Mir empfiehlt sie einen Rhetorikkurs an der Uni. »Diese Kurse werden glaube ich von der psychologischen Beratungsstelle angeboten. Keine Sorge, da sind nicht nur Verrückte«, sagt sie.

[Wie war das noch gleich mit der Empathie? So weit reicht sie dann wohl doch nicht, um nicht in Vorurteilen zu denken.]

Wahrscheinlich hätte sie es nicht gesagt, wenn sie wüsste, dass ich nicht einfach nur ein bisschen schüchtern bin oder Prüfungsangst habe, sondern auch zu den Verrückten gehöre. Gedacht hätte sie es wahrscheinlich trotzdem. Am liebsten hätte ich etwas erwidert: Gesagt, dass psychisch Kranke keine Verrückten sind oder erzählt, dass ich dann wohl auch zu den Verrückten gehöre. Habe ich aber nicht. Stattdessen saß ich auf meinem Bürostuhl und habe freundlich gelächelt, während ich innerlich vor Ärger hätte platzen können. Und wieso habe ich nichts gesagt, obwohl mir das Thema Antistigma so wichtig ist? Weil ich genau davor Angst hatte. Stigmatisiert zu werden. Für die restliche Praktikumszeit den Stempel „verrückt“ aufgedrückt zu bekommen.

In einem Uniseminar…

… heißt es plötzlich: Gruppenarbeit mit Referat. Angst steigt in mir auf. Damit hatte ich nicht gerechnet. In allen anderen Kursen habe ich direkt zu Beginn des Semesters mit den Dozent*innen abgeklärt, dass ich die mündlichen durch schriftliche Leistungen ersetzen kann. Die Kurse, bei denen die Dozent*innen kein Verständnis zeigten, habe ich abgewählt. Was mache ich, wenn der Dozent kein Verständnis zeigt und ich den Kurs deswegen mitten im Semester noch abbrechen muss?

Ich habe Glück! Für den Dozenten ist es in Ordnung, wenn ich nur inhaltlich am Referat mitarbeite und bei der Präsentation nichts davon vorstelle. Jetzt müssen sich nur noch meine Gruppenmitglieder darauf einlassen. »Ich muss vorab schon mal was sagen«, fange ich meine Nachricht an und erzähle von meiner sozialen Phobie. Meine Hände zittern. Ich habe Angst vor der Reaktion und lege mein Handy erst einmal zur Seite. Endlich traue ich mich, mir die Reaktionen anzuschauen und bin unheimlich dankbar für das Verständnis:

C: Also für mich ist das absolut kein Problem 🙂
H: gar kein Problem 🙂
G: Für mich auch nicht, alles gut 🙂
K: für mich auch nicht, cool, dass du das so offen ansprichst! 🙂

In einem Online-Sportkurs vom Hochschulsport…

… überlegt der Trainer, ob es die Möglichkeit gibt, den Kurs in Präsenzform anzubieten. Seine Idee: Wir treffen uns im Park, stellen uns mit genügend Abstand in einen großen Kreis und machen alle zusammen die Übungen. »Wie in so ner Selbsthilfegruppe. *hahahaha


Abschließende Gedanken

Manchmal vergesse ich im Alltag, dass noch so viele Vorurteile herrschen und wie viel Stigmatisierung es gibt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich vor allem in Kreisen bewege, die #mentalhealthmatters groß schreiben und auch selbst Antistigma-Arbeit leisten. Begegnungen mit Menschen außerhalb dieser Kreise zeigen mir (leider) immer wieder, wie wichtig die Antistigma-Arbeit ist! Dabei merke ich auch, wie ich selbst gefangen bin zwischen dem Wunsch, mich für Antistigma einzusetzen und der Angst, dadurch selbst stigmatisiert zu werden. Umso dankbarer bin ich dann für Situationen wie in dem Uniseminar, in denen der eigene Mut zur Offenheit mit Verständnis belohnt wird.

Mutsammlerin

Autor*in: Mutsammlerin

An ein Leben ohne Angst kann ich mich nicht erinnern. Aber ich kann davon träumen, die Angst aushalten und für meine Träume kämpfen.

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