Auto mit Gepräck am Dachträger und dem Schriftzug Let's go

… Am selben Tag bekam ich noch die Möglichkeit für ein Gespräch mit der Betriebsleitung. Sie war sehr überrascht, schlug zuerst ein Gespräch zu dritt vor. Das tat sie allerdings nicht mehr, nachdem sie mich angehört hatte.

Erst war ich mir gar nicht sicher, was und wie genau ich von meinen Kündigungsgründen erzählen sollte, doch ich entschied dann, dass sie als Leitung schon Bescheid wissen sollte und sie bejahte dies nickend. Während meiner Erzählung behielt sie ein „Pokerface“, aber sah mich durchgehend sehr aufmerksam an. In diesem Gespräch konnte ich ein paar Tränen nicht zurückhalten, weil es wirklich um einen endgültigen Abschied ging.

Ich wusste, dass es für sie auch ein Schreck war, einerseits, da sie mich schon immer mochte und auch wir immer einen guten, wertschätzenden Kontakt miteinander hatten. Andererseits hatte sie in der Zeit, in der ich in diesem Betrieb arbeitete, viele Mitarbeitende gesehen, die wegen meiner Abteilungsleitung gingen oder „gegangen wurden“. Und ich war wie gesagt immer eine verlässliche und engagierte Mitarbeiterin gewesen und inzwischen nach meiner Abteilungsleitung die Dienstälteste. Auch die Betriebsleitung ist mit meiner Abteilungsleitung eher befreundet und wusste auch von unserer Freundschaft. Und auch in diesem Gespräch ließ ich mich wieder ganz von Gott leiten. Ich wusste, dass sie normalerweise nach dem Grundsatz „Reisende soll man nicht aufhalten“ leitet und eher zu meiner Abteilungsleitung hält als Gefühl für die Kündigenden/Gekündigten hat.

Als es dann um das weitere Prozedere ging, schnaufte sie oft tief und schwer durch und ich merkte, dass es ihr gar nicht recht ist und auch sie bedrückte. Dann rechnete sie erst mal den restlichen Urlaubsanspruch und Überstunden aus und prüfte verschiedene Möglichkeiten darauf, wie ich möglichst schnell „rauskomme“. Als sie dann den Zeitpunkt nannte, war ich alles andere als happy, weil ich nicht wusste, wie die Zeit mit meiner Abteilungsleitung im Büro werden wird, und ich merkte, wie viel Kraft mich diese innere Verletzung und die permanente Habachtstellung kostete (es konnte ja jederzeit ein Angriff kommen).

Ich meinte zu ihr, dass ich gerne die letzten zwei Fortbildungen zurückzahlen kann, Hauptsache ich kann früher gehen. Das wollte sie aber nicht, sie habe die genehmigt und da stehe sie auch dazu. Dann meinte sie, dass ich das, was sie gleich sagt, bitte ja nicht falsch verstehen soll: Ich sei halt auch eine Zeit lang ausgefallen und sie wolle das Geld halt auch nicht hinterherschmeißen. Das konnte ich total gut verstehen und sagte ihr das auch. Ich meinte zusätzlich noch dazu, dass ich jetzt halt aber nicht aus Spaß gehe. Dass ich keine Ahnung habe, wie es weitergeht und keine neue Stelle in Aussicht habe, aber dass halt die Situation im gemeinsamen Büro unter diesen Umständen äußerst belastend ist und ich schon lange durchgehalten habe.

Da ging sie noch mal in sich, schnaufte und überlegte eine ganze Weile lang, rang mit sich. Und ich spürte Gottes Präsenz, wie er mir innerlich signalisierte: Es wird alles gut. Und wie die Chefin in ihrem Herz berührt und weich wurde.

Und da schaute sie mir intensiv in die Augen und schlug mir vor eine handschriftliche Ergänzung auf der Kündigung in unserem beiden Einverständnis vor: Und zwar, dass ich aufgrund von Urlaubsansprüchen und Überstunden mit sofortiger Wirkung freigestellt werde und noch einen Monat Gehaltsfortzahlung bekomme. Außerdem würde sie meiner Leitung ein Mail schreiben, dass sie nicht noch diskutieren solle, sondern mich in Frieden ziehen lassen solle.

Sie wünschte mir alles Gute, meinte ich solle den Monat nutzen, um mich zu erholen und dann mit neuer Kraft in etwas Neues starten. Und sie bat mich darum, im Betrieb teamextern keine näheren Kündigungsgründe zu nennen (damit es kein großes „Gerede“ gibt), sondern als Grund verallgemeinernd nur zu sagen, dass es Umstände im Team waren, weshalb ich mich entschied zu gehen.
Zum Punkt Arbeitszeugnis garantierte sie mir, dass über ihren Tisch nur korrekte Arbeitszeugnisse gehen und darin keine geheimen Botschaften stecken werden.

Noch mal zusammenfassend, was ich mit Hilfe Gottes geschenkt bekam, obwohl es eigentlich nicht möglich gewesen wäre:

  • Ziemlich friedvolle Gespräche, ein gutes Auseinandergehen
  • Sofortige Freistellung aus der belastenden Situation, obwohl ich NICHT genügend Urlaubsanspruch und Überstunden hatte
  • Die letzten zwei Fortbildungen nicht zurückzahlen müssen
  • Noch ein ganzer Gehalt, ohne zu arbeiten
  • Den Tiefgaragenplatz nicht noch einen Monat weiterbezahlen müssen
  • Liebe Worte und Wünsche, viel Verständnis und menschliche Wärme

Im Büro traf ich zwei meiner Kolleginnen, die ich kurz über die Vorkommnisse informierte und die auch ziemlich geschockt und wehmütig waren, aber sehr verständnisvoll. Es tat mir unglaublich gut, was sie mir noch für liebe Worte auf den Weg gaben. Sie würden meine Entscheidung total verstehen, auch wenn sie es sehr schade finden, dass ich gehe und sie die Befürchtung haben, dass es weiter bergab geht im Team. Und dass ich mir auch im Nachhinein ja nichts einreden lassen soll, dass an den Vorwürfen wirklich nichts dran sei, im Gegenteil. Zum Schluss umarmten sie mich fest.

Anschließend verabschiedete ich mich noch kurz von der Assistenz der Betriebsleitung, die ich auch gern gewonnen hatte. Ihr fiel – ich kann es nicht anders ausdrücken – das Gesicht herunter, als sie erfuhr, dass ich gehe und zwar heute noch. Auch sie umarmte mich fest und ich merkte, wie schade auch sie es fand.

Dann räumte ich wie eine Verrückte meine Sachen zusammen – ein Wahnsinn, wie viel sich ansammelt über fast vier Jahre hinweg – und war schlussendlich total verschwitzt vom vielen Tragen und Schleppen. Ich musste schließlich nicht nur meinen Büroplatz, sondern auch mein Sprechzimmer räumen.

Gegen Schluss traf ich die teamneueste Kollegin, welche auch total überrascht war und keine Ahnung von all den Vorkommnissen der letzten Zeit hatte (ich wollte sie nicht mit hineinziehen oder beeinflussen und sie hatte nichts davon mitbekommen, da sie erst kurz vor dem Urlaub meiner Leitung zum Team dazu kam). Sie fand es auch sehr schade, obwohl sie nicht wusste, warum ich ging. Ich sagte ihr, ich wolle sie raushalten, habe aber meine Gründe. Und am nächsten Morgen schrieb sie mir eine unglaublich liebe Nachricht, die mich so sehr freute: Sie sei sehr dankbar, mich kennengelernt zu haben. Sie habe mich als sehr angenehmen und besonderen Menschen wahrgenommen und viel von mir lernen können und sie finde, dass mit mir eine Bereicherung für den Betrieb verloren geht. (Mittlerweile hat auch sie gekündigt – ich weiß noch nicht was vorgefallen ist – und sie will mich gerne bald treffen)

Zum Schluss wartete ich auf meine Abteilungsleitung, die ja noch nicht wusste, wie schnell ich weg sein würde. Und obwohl es Dienstschluss war, kam und kam sie noch eine Viertelstunde nicht ins Hauptbüro, sodass ich mich schon fragte, ob sie es vermeiden will, mich zu sehen. Ich beschloss aber trotzdem zu warten, ich wollte mich einfach verabschieden.

Und als sie kam und ich es ihr mitteilte war sie ruhig und freundlich, ließ sich nichts anmerken. Sie sprang von ihrem Bürostuhl auf, lief einen Schritt auf mich zu und da standen wir beide und sahen uns einige Sekunden lang an. Und ich meine zu spüren, dass die Frage im Raum stand, ob wir uns zum Abschied umarmen sollten. Schlussendlich taten wir es nicht, irgendwie schien es uns angesichts der Situation unpassend zu sein, obwohl es, wenn ich im Nachhinein daran denke, irgendwie auch schön gewesen wäre. Schließlich gingen wir trotz allem ja im Guten auseinander und waren uns mal nahe.

An diesem Abend feierte ich trotz Erschöpfung, erhöhter Temperatur und Kopfschmerzen (weil alles ziemlich viel war) mit meiner Familie, wie großartig Gott mich da schnell rausgeholt hat und mein Vertrauen belohnt hat.

Und seitdem bin ich noch am Verarbeiten und Verschmerzen, immer wieder begleitet durch: Stürzen in allerlei Arbeiten bis zur Erschöpfung, depressive Tage/Stunden, wenn der innere Schmerz zu groß wird, massive Anspannung abends, Schlafprobleme und Albträume von der Arbeit und Kündigung fast jede Nacht, etc.

Tatsächlich konnte ich erst nach 1,5 Wochen meiner besten Freundin davon erzählen, und obwohl ich es inzwischen ein paar meiner engsten Mitmenschen erzählt habe, folgt nach jedem Erzählen erst mal ein schmerzvolles Tief. Auch dieser Beitrag hier war große Überwindung, auch wenn ich mich dadurch wieder ein Stück weit freier fühle.

Trotz dieser Schmerzphase legt Gott auch immer wieder Freude und Begeisterung in mein Herz. Immer wieder kommen mir neue Ideen, was und wie ich gerne in Zukunft arbeiten möchte, was mir wichtig ist, wofür ich brenne, wie ich anderen Menschen helfen möchte und wie ich den Eindruck habe, dass es auch Gott gefällt.
Und ich vertraue darauf, dass er mich führen wird, Schritt für Schritt. Und dass es gewiss immer wieder mal eine gehörige Vertrauensprobe für mich sein wird, wie es auch jetzt ist, aber dass alles immer mehr gut wird und heilen darf.

Und dazu gehört nun mal auch das „Verschmerzen“, das ich bisher in meinem Leben immer unterdrückt und weggedrängt habe, und jetzt zum ersten Mal versuche in aushaltbarer Dosis zuzulassen. Vielleicht – wenn Interesse da ist – und wenn ich die Zeit und Kraft dafür finde, werde ich mich wieder öfters mit einem Blogbeitrag hier melden.

Ich hoffe, dass vielleicht auch für euch, das eine oder andere Hilfreiche dabei war:
Vielleicht mal eine etwas andere Umgangsweise mit solch einer Thematik, oder vielleicht einfach das Gefühl und Wissen, dass ihr nicht allein damit seid. Und dass – auch wenn es oft nicht so ausschaut – alles wieder besser und vielleicht sogar gut werden kann. Und vielleicht auch der Aspekt, dass so etwas auch unter Freunden und auch im psychosozialen Berufsbereich passieren kann.

Was ich für mich gelernt habe, ist, dass die eigenen Traumathemen einen immer und immer wieder auf verschiedene Art und Weise einholen bzw. ein Stück weit retraumatisieren.
Solange bis man soweit ist, sich näher damit zu befassen, einen anderen Umgang damit zu lernen, für sich einzustehen, etwas zu verschmerzen und dadurch langsam (mit Unterstützung) zu heilen.

Ein großes Danke hiermit auch an alle Menschen, die mich dabei begleiten und unterstützen, ganz besonders an meine Familie, meine Seelsorgerin, meine Freundinnen, mein ehemaliges Team.
Auch ein Danke an meine süßen Kaninchen, die mich immer wieder erfreuen und durch ihr „Süß-und-frech-Sein“ aufmuntern und erheitern.
Und vor allem ein riesiges Danke an Gott, der mich immer liebt, unterstützt und stärkt, egal wie oft ich die selben oder ähnliche Fehler mache. Er, der mir immer wieder Freude und Hoffnung schenkt, mich aus ausweglosen Situationen rettet.
Ihm habe ich es hauptsächlich zu verdanken, dass es mir schon so viel besser geht, ich so gereift bin, wieder so viel Freude und Begeisterung empfinden kann, wieder so viel Kraft habe und wieder Ja zum Leben sage.

Autor*in: HighHopesInBlueSkys

Einen blauen Himmel voller Hoffnung – das ist das, was ich mir wünsche. Tatsächlich ist mein Himmel schon lange ziemlich wolkenbehangen. Depression, Ängste und Sorgen verschleiern teils das lebensfrohe Blau. Doch in meinem Herzen bin ich eine Kämpferin. Ich glaube fest daran, dass hinter jedem großen Leid auch eine Chance steckt: eine Chance sich besser kennenzulernen, besser für sich sorgen zu lernen, die Qualitäten des Lebens neu schätzen zu lernen, Achtsamkeit zu üben, manches loszulassen und Neues für sich zu gewinnen. Diesen Weg will ich voller Mut und Hoffnung gehen, auf zu einem blaueren und sonnigeren Himmel, auch wenn es oft schwer fällt. Und das ist es auch, was ich von Herzen all jenen wünsche, denen es ähnlich geht: den eigenen, ganz individuellen und wertvollen Weg zu einem blaueren Himmel zu finden.

in Zusammenarbeit mit:

Logo Schon mal an Selbsthilfegruppen gedacht?