Wer kennt das nicht. Je länger sich Geschirr im Besitz von einem befindet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Mal durch Unachtsamkeit oder aufgrund des Alters einfach mal zu Bruch geht. Beim Abwaschen kurz nicht aufgepasst und sich ablenken lassen und schon landet der Teller auf dem Boden und zerspringt in mehrere Stücke. Ähnlich verhält es sich auch mit der eigenen Biographie. Je länger man lebt desto wahrscheinlicher ist es, dass man sich Verletzungen zuzieht. Manche sind dabei sichtbar und deutlich zu erkennen, andere wiederum befinden sich im inneren. Vor den Blicken der Außenwelt verborgen und doch begleiten diese einen lange Zeit und bestimmen den Alltag. In vielen Fällen sogar das ganze Leben über.
Immer wenn ich an die eigenen Brüche in meinem Leben denke, kommt mir die traditionelle japanische Reparaturmethode Kintsugi in den Sinn. Beim Kintsugi werden die Brüche und Risse nicht einfach nur geflickt, um stabil und wenn möglich unsichtbar zu sein, sondern regelrecht zelebriert. Die Kunst in dieser Art der Reparatur besteht dabei, die Risse deutlich hervorzuheben, in dem man feinstes Goldpulver in die Spachtelmasse einstreut. Bereits von weitem erkennt man, dass die Schale zu Bruch gegangen ist. Genauso erkennt man bereits von Weitem, dass diese einem so viel bedeutet, dass man diese geflickt hat. Nicht einfach nur geflickt, diese wurde regelrecht veredelt.
So schön ich diese Metapher im Hinblick auf meine eigene Krankheit finde, will ich einfach nicht auf einen grünen Zweig kommen. Ich habe schon viele Brüche in meinem Leben flicken dürfen und müssen. Manche davon bombenfest, so dass die Bruchstelle dermaßen stabil ist, dass es sehr viel Kraft bedarf, diese erneut zu brechen. Andere wiederum werden von Tesafilm zusammengehalten und drohen jeden Tag aufs neue zu zersplittern. Bisher aber alle eher im Verborgenen. Nur für die engsten Freunde bekannt. Doch einen Bruch so zu flicken, dass dieser für die Außenwelt deutlich sichtbar ist und im Mittelpunkt steht habe ich nicht, Zu groß ist dabei meine Angst, der eine große Bruch in meinem Leben, die Suchterkrankung, zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich weiß auch garnicht, wenn ich ehrlich bin, ob ich das überhaupt möchte. Selbst wenn die Umwelt offener dem Thema gegenüberstehen würde und die Bilder aus Buch, Funk und Fernsehe den Menschen nicht gleich in den Kopf schießen würden, weiß ich nicht, ob meine Suchterkrankung einen jeden was angeht.
Während ich den Text so schreibe, merke ich, dass ich Kintsugi bereits angewendet habe und noch immer anwende. Ja meine Risse sind nicht für jedermann sichtbar. Doch auch wenn diese nicht für jeden sichtbar sind, heißt es nicht, dass diese nicht da sind, Die Risse sind da, die Risse wurden repariert und die Risse strahlen. So wie ich strahle, da ich stolz auf mich bin, diese geflickt und veredelt zu haben. Aber das Geschirr mit den Rissen steht nicht in einem Schaufenster eines Kaufhauses, an dem ein jeder vorbeigeht. Es ist auch nicht in einer Galerie ausgestellt, zu der ein jeder Zugang hat und sich diese Risse stundenlang betrachten und mit anderen Besuchern darüber diskutieren kann. Es befindet sich in meinem Haus, meiner Wohnung, meinem Zimmer. Einem Ort an dem ich das sagen habe und an dem ich den Menschen die Erlaubnis gebe, diesen betreten zu dürfen. Die Menschen, denen ich diese Erlaubnis gegeben habe, dürfen auch sehen, was sich im inneren befindet, dürfen auch die Risse stundenlang betrachten und dürfen auch gerne über diese mit mir diskutieren.
Ich glaube genau hier ist auch der grüne Zweig, nachdem ich gesucht habe und auf dem ich persönlich auch gerne sitze. Meine Suchterkrankung geht zunächst niemanden was an. Jedoch ist diese ein essentieller Teil von mir und meiner Geschichte. Einer Geschichte, auf deren Verlauf ich mächtig stolz bin, da ich viel dafür getan habe, dass daraus eine Erfolgsgeschichte wird und an der ich auch jeden gerne teilhaben lasse, dem ich vertraue und der mir etwas bedeutet. Vor allem aber den ich dazu eingeladen habe und der meine Einladung auch angenommen hat.

 

Bossi

Autor*in: Bossi

Ich möchte meine eigene Gruppe etwas anders angehen und die üblichen Runden einer Selbsthilfegruppe mit ein paar innovativen Methoden etwas beleben. Über eben diesen Einsatz von Methoden in der Selbsthilfe, meine Erfahrungen damit und meine persönliche Suchtgeschichte möchte ich im Blog berichten und mich darüber austauschen.

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