Seite wählen

Gastautor: André

Mit Mitte 20 starten viele Menschen im Berufsleben voll durch. Ausbildung, Lehre oder Studium sind zu Ende und man möchte nun endlich das frisch erworbene Fachwissen praktisch umsetzen und anwenden. So ging es mir, als ich 2011 von Niedersachsen nach Nordrhein-Westfalen zog, um mich einer neuen Herausforderung zu stellen. Der Job war hoch interessant, aber stressig. Als Medizinprodukteberater betreute ich Kliniken und Krankenhäuser, und deren OP-Alltag. Der Preis dafür war hoch: Ich musste bei den Operationen viel und lange stehen, mich immer extrem konzentrieren, sah meine Familie nur noch ab und zu am Wochenende und verbrachte viel Zeit auf deutschen Straßen und Autobahnen, oftmals im Stau sitzend – zur Nullaktivität verdammt. Ende 2012 freute ich mich auf die Feiertage, Erholung von der Arbeit und gemeinsame Zeit bei meiner Familie und Freunden in der Heimat. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass mein zukünftiges Leben bald komplett auf den Kopf stehen würde. Genauso wenig konnte ich ahnen, dass ich meinen Weihnachtsurlaub nicht bei meiner Familie, sondern auf der neurologischen Abteilung eines örtlichen Krankenhauses verbringen würde. Seltsame und immer schlimmer werdende Symptome, ein Kribbeln welches von meinen Füßen bis zu meinem Oberkörper aufstieg, zittrige Beine, verschwommenes Sehen und ein unangenehmes Druckgefühl in der Brust hatten mich dazu veranlasst, zum Arzt zu gehen. Das Ergebnis nach einigen Tagen Klinikaufenthalt: die Diagnose Multiple Sklerose.

Im Zusammenhang mit meiner chronischen Erkrankung und der damit zusammenhängenden Schwerbehinderung war mir eins von Anfang an sehr wichtig: ich wollte unbedingt weiter arbeiten. Doch wie geht man mit so einer Krankheit und Behinderung im Beruf um? Pauschale Anleitungen suchte ich vergebens. Patientenverbände, Broschüren der Krankenkassen oder Infoflyer von Pharmaunternehmen weisen zumindest auf eines hin: Man ist gesetzlich nicht dazu verpflichtet, den Arbeitgeber über eine Erkrankung zu informieren. Man kann die eigene Erkrankung also theoretisch gut verheimlichen. Das ist zwar beruhigend und gut zu wissen.

Doch was ist, wenn die psychische Belastung durch das „nichts sagen“ immer stärker wird, weil die Arbeitsleistung immer schwächer und das schlechte Gewissen den Kollegen gegenüber immer größer werden? Ich entschied mich für den für mich am logischsten Weg: darüber sprechen. Dies war ein mehrjähriger Prozess, welcher Anfang dieses Jahres damit endete, dass ich bei Bewerbungen bereits im Anschreiben auf eine chronische Erkrankung und eine vorliegende Schwerbehinderung hinwies, mir jedoch vornahm, die eigentliche Erkrankung erst im potenziellen Bewerbungsgespräch zu erwähnen. An diesem Punkt möchte ich betonen, dass sich ein solcher Schritt vielleicht nicht für jeden Betroffenen eignet. Es hängt von vielen Faktoren ab, ob man mit diesen privaten Themen im Beruf offen umgehen möchte: der jeweiligen individuellen Situation, dem Arbeitsbereich, der Branche, der Abteilungsgröße, dem Vorhandensein eines Betriebsrats oder Schwerbehindertenvertretung und nicht zuletzt auch dem Rückhalt im privaten Umfeld.

So richtig erklären kann ich es mir nicht, jedoch war meine zurückliegende Bewerbungsphase bis dato die erfolgreichste oder zumindest die für mich überraschendste in meinem bisherigen Berufsleben. Die Unternehmen haben sicherlich keine Freudensprünge beim Lesen des letztens Absatzes meines Bewerbungsanschreibens gemacht, dennoch war die Resonanz auf meine Bewerbung sehr positiv. Meine Vermutung: Den Arbeitgebern wird in der heutigen Zeit immer bewusster, dass sich der Arbeitsmarkt zu einem Arbeitnehmermarkt wandelt. Aufgrund des Fachkräftemangels geben aktuell in vielen Bereichen die Arbeitnehmer die Richtung vor, und die Unternehmen müssen sich so stark wie wohl noch nie auf die persönliche Lebenssituation der Bewerber und späteren Mitarbeiter einstellen – was auch bedeutet, dass sie mitunter Kompromisse bei der Bewerberwahl in Kauf nehmen müssen.

Der derzeitige Fachkräftemangel birgt in vielerlei Hinsicht massive Probleme für die Unternehmen, so dass sich kein Arbeitgeber mehr den Luxus leisten kann, einen großen Bogen um Arbeitnehmer zu machen, die durch Krankheit oder Behinderung vermeintlich weniger leistungsstark sind. Personaler sollten die Maßstäbe zur internen Risikobewertung des potenziellen krankheitsbedingten Ausfalls neu bewerten, und sie sollten Strategien entwickeln, Menschen mit Einschränkungen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu vereinfachen (zum Beispiel durch Homeoffice-Angebote, eine behindertengerechte Büroeinrichtung uvm.)

Dies ist vielleicht noch nicht beim letzten Unternehmer in Deutschland angekommen. Doch die Zeit und der immer größer werdende Druck auf der Suche nach neuen, qualifizierten und gut ausgebildeten Mitarbeitern wird auch die Arbeitgeber eines Besseren belehren, die bislang ohne detaillierte Prüfung der Bewerbungsunterlagen vorschnell Absagen an chronisch kranke, behinderte Menschen versenden.

So beängstigend die Prognosen zum zukünftigen Fachkräftemangel – besonders in Sozial- und Gesundheitsberufen – auch sind, bietet er uns, den vermeintlich „Abgehängten“, „nicht Leistungsfähigen“ und „dauernd Krankgeschriebenen“, eine große Chance.

Wir sollten uns in den Unternehmen als Mitarbeiter neu platzieren und integrieren, sollten offen über unsere Stärken und Schwächen sprechen, über den Umgang mit unseren Krankheiten und Behinderungen aufklären. Wir sollten durch Engagement, Leistungsbereitschaft und Innovationsfreude, Empathie gegenüber anderen und Freude an der Arbeit ein Vorbild für Kolleginnen und Kollegen sein. Denn dann können wir hier und jetzt in dieser angespannten Arbeitsmarktsituation ein Zeichen setzen. Dann können wir mit unserer Teilhabe am Berufsleben dazu beitragen, dass zukünftig körperlich eingeschränkte, behinderte und chronisch kranke Menschen einen einfacheren und besseren Zugang zu ihrem Traumjob erhalten.

Inklusion im Beruf darf nicht nur eine Idee bleiben, ein Traum oder ein Schlagwort aus der Politik. Inklusion kann und muss auch bei den Arbeitgebern ankommen, ohne Unterschiede zwischen Spitzenpositionen oder prekärer Arbeit. Jedem muss ermöglicht werden, seinen Teil zu seinem persönlichen wie auch dem Unternehmenserfolg beitragen zu können. Ich wünsche mir einen starken Willen bei allen Betroffenen, den Mut der Unternehmer zur Veränderung, die Umsetzung notwendiger Strukturmaßnahmen im Arbeitsmarkt und wichtige Förderungen durch den Staat.

Hier und jetzt haben wir die Chance, die Situation für uns und für zukünftige Generationen zur Teilnahme am Arbeitsleben aktiv zu prägen und zu verbessern.

 

André engagiert sich bei verschiedenen Selbst-
hilfeinitiativen und ist im Vorstand der Deutschen
Multiplen Sklerose Gesellschaft Niedersachsen e.V.

Kontakt: andre@dmsg-niedersachsen.de

Avatar

Autor*in: Gastautor*innen

Ab und an schreiben auch Gäste in unserem Blog. Gastbeiträge sind mit dem Namen "Gastautor*innen" gekennzeichnet.

in Zusammenarbeit mit:

Logo Schon mal an Selbsthilfegruppen gedacht?