Gastbeitrag von Ruth (Bloggründerin und ehemalige NAKOS-Mitarbeiterin)

Als wir (Miriam Walther und Ruth Pons von der NAKOS) vor rund acht Jahren zusammen mit einigen jungen Selbsthilfeaktiven den Lebensmutig. Junge Selbsthilfe-Blog ins Leben riefen, ging es uns um genau das, was dieses Projekt bis zuletzt verkörperte: junge Menschen in ihrer ganz eigenen Sprache sichtbar machen, ihre Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven auf Selbsthilfe weitergeben und so einen Raum schaffen, in dem sie sich gehört fühlen können. Von Anfang an haben uns dabei vor allem die Menschen getragen, die diesen Blog mit Leben gefüllt haben: kluge, reflektierte, mutige junge Leute, deren Offenheit mich immer wieder beeindruckt hat.

Seitdem haben fast 30 Autor:innen über ganz unterschiedliche Themen berichtet, immer mit dem Anspruch, authentisch und offen zu sein. In ihren Beiträgen teilen sie sehr persönlich ihre Hoffnungen und Ängste – und wie befreiend es sein kann, darüber zu schreiben und gelesen zu werden. Mich hat oft berührt, mit welcher Klarheit und Ehrlichkeit diese Texte entstanden sind und wie viel Vertrauen darin lag.

So schildert Rainbow ihre persönlichen Belastungen: „Weihnachten ist für mich eine schwere Zeit … weil ich seit drei Jahren keinen Kontakt zu meiner Mutter habe, ist mein inneres Kind zu dieser Zeit ziemlich laut“. Blue beschreibt das mühsame Dranbleiben im Alltag: „Ich habe großartige Schwierigkeiten damit, mir Dinge beizubringen und auch dranzubleiben. Es ist unfassbar ermüdend“. Solche Sätze bleiben hängen – weil sie so direkt sind und weil sie Erfahrungen ausdrücken, die viele kennen.

Gastbeiträge wie von Sky Walker zeigen, wie viele Fragen die eigene Wahrnehmung und soziale Situationen aufwerfen: „Früher dachte ich, ich sei gern unter Leuten … eigentlich strengt mich sowas nämlich total an … Niemand – nicht einmal ich – soll merken, dass ich mich eigentlich fühle, als könne man durch mich hindurchsehen.

Mal schonungslos, mal nachsichtig reflektierten die Autor:innen sich selbst. Dickdarmlos schrieb: „Akzeptanz ist nicht etwas, das einfach da ist, sondern ein ewiges Ringen mit dem eigenen Selbstbild und den immer wiederkehrenden Zweifeln.“ Bossi hielt fest: „Ich habe es geschafft, einige unangenehme Situationen durchzustehen und bin daran gewachsen, auch wenn es nicht immer leicht war. Das hat mir gezeigt, dass ich mehr kann, als ich mir selbst oft zutraue.“ Und Visionärin freute sich: „Ein sehr großer Erfolg ist es, dass ich fürsorglich mit mir umgehen kann und mich nicht mehr für alles bestrafe. Dass ich total tolle Menschen um mich herum habe und mich von denen getragen bzw. gehalten fühle.“

Für die Autor:innen war Schreiben kein Beiwerk, sondern ein zentrales Werkzeug der Selbsthilfe. Es ermöglichte Reflexion, Selbstverständigung und Ausdruck dort, wo Gespräche an Grenzen stießen.

Gedankentänzer beschrieb seine Motivation so: „Hier im Blog schreibe ich, um andere Menschen an meinen Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen teilhaben zu lassen. … Weil sie es vielleicht auch betrifft und sie sich dann nicht mehr so allein fühlen müssen.“ Für Mutsammlerin ist das Schreiben „jedes mal wieder ein großer Mutmoment.“ Für Buchstabenspielerin hatte das Schreiben eine ganz besondere Bedeutung: „…was ist, wenn Du bei jedem Buchstaben eine Wand in deinem Kopf verrücken müsstest? So geht es vielen Menschen mit Legasthenie“, erklärte sie in ihrem Autor:innen-Profil. „Doch wir sind nicht dumm oder faul. Wir finden Umwege. Was ist, wenn diese Umwege zu tollen Texten führen? … Dann hat man jemanden wie mich gefunden, der trotz Legasthenie gerne schreibt.“

Der Blog bot nicht nur Raum für eigene Erfahrungsberichte, sondern auch für gemeinschaftliche Formate wie das „Virtuelle Schreibgespräch“. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir auch die Blogtreffen: viel Lachen, intensive Gespräche, gemeinsames Nachdenken und eine spürbare Energie zwischen allen Beteiligten. Diese Begegnungen haben gezeigt, dass Selbsthilfe auch Freude, Leichtigkeit und Gemeinschaft bedeuten kann.

In Texten zu Monatsthemen wie „Wie stellt man sich anderen vor und bleibt sich selbst treu?“ oder „Freundschaften erhalten trotz aller Schwierigkeiten“ haben die Autor:innen zudem gesellschaftliche und biographische Fragestellungen aufgegriffen, die viele junge Menschen bewegen, und sie mit eigenen Erfahrungen verknüpft.

In all diesen Beiträgen ging es nicht um perfekte Lösungen, sondern um ehrliche Einblicke: wie Menschen mit Depression, Angst, Behinderungen, Grenzerfahrungen oder sozialen Hürden umgehen, wie sie in Selbsthilfegruppen Halt finden, wie sie Strategien für schwierige Zeiten entwickeln und wie sie lernen, das eigene Leben aktiv zu gestalten. Das war der Kern von Lebensmutig – und genau das hat mich immer wieder begeistert.

Die Bedeutung dieses Projekts war für mich immer klar: jungen Menschen eine Plattform geben, auf der sie in ihrer eigenen Stimme sprechen konnten. Es hat Themen sichtbar gemacht, die sonst oft im Verborgenen bleiben, und es hat gezeigt, wie kraftvoll Selbsthilfe sein kann, wenn Menschen sich gegenseitig ernst nehmen.

Dass der Blog nun endet, weil er nicht mehr weiter gefördert wird, ist mehr als schade. Aber es ändert nichts an dem, was entstanden ist. Die Texte bleiben Zeugnisse davon, wie wichtig es ist, jungen Menschen Raum zu geben – für ihre Sprache, ihre Brüche, ihre Perspektiven. Lebensmutig war kein Projekt über Selbsthilfe. Es war Selbsthilfe. Ich bin dankbar, dass ich diese kreativen jungen Menschen begleiten durfte und eine Zeit lang Teil einer spannenden Reise war.

Ruth Pons

Autor*in: Gastautor*in

Ab und an schreiben auch Gäste in unserem Blog. Gastbeiträge sind mit dem Namen "Gastautor*in" gekennzeichnet.

in Zusammenarbeit mit:

Logo Schon mal an Selbsthilfegruppen gedacht?