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Teetasse

„Wie läuft das denn so ab in einer Selbsthilfegruppe?“, wurde ich vor ein paar Tagen von einer Kollegin gefragt. „Also, ehm… wir sitzen im Stuhlkreis und trinken Tee“, fange ich an zu erzählen und füge ein „also ganz klischeemäßig“ hinzu, bevor ich von unserem Wie-geht-es-mir?-Blitzlicht am Anfang und Ende unserer Treffen erzähle und von unserer Box mit Themenvorschlägen, falls niemand etwas einzubringen hat.

Es war mir unangenehm davon zu erzählen und ich habe mich gefragt: Darf ich überhaupt von meinen Erfahrungen erzählen, die manche Vorurteile vielleicht eher bestätigen? Ich möchte doch genau das Gegenteil bewirken. Dass die Menschen der Selbsthilfe offener gegenüberstehen. Dass man seinem Umfeld davon erzählen kann, wenn man eine Selbsthilfegruppe besucht, ohne befürchten zu müssen, dass das Gegenüber etwas schlechtes über einen denkt.

Den ganzen Monat schon habe ich mir über das Thema „Vorurteile über die Selbsthilfe“ Gedanken gemacht. Ich habe auf Instagram gefragt, was für Vorurteilen man als Teilnehmende*r einer Selbsthilfegruppe ausgesetzt ist. Das sind die am häufigsten genannten Antworten und ein paar meiner Gedanken dazu:

»Alle, die dahin gehen, sind Opfer und haben keine Freunde.«

Nur weil man den Austausch mit Menschen sucht, die ähnliche Krankheiten und Sorgen haben, bedeutet das nicht, dass man in seinem privaten Umfeld keine Freunde und Bekannte hat, mit denen man zusammen Spaß haben und auch mal über seine Sorgen sprechen kann. Trotzdem ist es eine große Bereicherung und Gespräche können viel intensiver werden, wenn das Gegenüber genau weiß, wie man sich fühlt, weil er*sie sehr ähnliche Situationen, Hürden und Gefühle durchlebt hat. Mit einer Person aus meiner Tanzgruppe kann ich mich schließlich auch in ein tieferes Gespräch über die perfekte Ausführung einer Pirouette begeben, als mit einem Freund, der seine Freizeit auf dem Fußballfeld verbringt.

»Das ist eher was für Frauen; als Mann kann man da nichts sinnvolles erfahren.«

In meiner Gruppe war das Geschlechterverhältnis immer sehr ausgeglichen. Je nachdem, wer gerade gekommen ist, waren es an manchen Tagen mehr Frauen, an manchen Tagen mehr Männer und an manchen Tagen genau gleich viele. Generell wüsste ich nicht, wieso das Geschlecht dabei eine Rolle spielen sollte.

»Es wird nur geheult und gejammert und alle ziehen sich gegenseitig noch mehr runter.«
»Das zieht einen runter.«

»Das Problem wird durch den Austausch mit Gleichgesinnten nur verstärkt.«

„Tut mir der Kontakt zu anderen Betroffenen wirklich gut?“, ist eine Frage, die ich mich tatsächlich auch schon selbst gefragt habe. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist es schon vorgekommen, dass mich Gespräche mit anderen Betroffenen mehr runtergezogen als mir geholfen haben. Aber das waren immer Menschen, die mir im Alltag begegnet sind. Menschen, die (leider) noch nicht an dem Punkt waren, dass sie sich helfen lassen wollten. Da den Schritt in die Selbsthilfe wohl nur Menschen wagen, die etwas dafür tun wollen, dass es ihnen besser geht, hatte ich in Bezug auf die Selbsthilfegruppe noch nie die Sorge, dass es mich runterziehen würde. Nicht einmal die kleinste. Und wenn es doch mal vorkommt, dass über ein Thema gesprochen wird, das einen runterziehen könnte, dann hat man jederzeit die Möglichkeit, den Raum zu verlassen und das auch zu kommunizieren.

»Wir sitzen da und weinen alle…«

Was den Selbsthilferaum für mich so besonders macht ist das Gefühl, offen und ehrlich sein zu können. Mit den Worten, die man sagt. Mit den Gefühlen, die man zeigt. Ich finde es wichtig, dass in diesem sicheren Raum auch Tränen erlaubt sind. Genauso wie Lachen und Freude.

Dass Selbsthilfe viel mehr sein kann als im Stuhlkreis zu sitzen und über Probleme zu reden, habe ich erst durch den Austausch mit anderen Aktiven in der Jungen Selbsthilfe gemerkt. Und trotzdem denke ich abschließend: Meine Gruppe sitzt halt klischeemäßig im Stuhlkreis, eine Tasse Tee in der Hand und jeder erzählt reihum wie es ihm*ihr geht – wenn es den Teilnehmenden gut tut und ihnen hilft, sehe ich keinen Grund, wieso das etwas schlechtes sein sollte.

Mandy

Autor*in: Mandy

To live a creative life we must lose our fear of being wrong. An ein Leben ohne Angst kann ich mich nicht erinnern. Aber ich kann davon träumen, die Angst aushalten und für meine Träume kämpfen.

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