Ich habe das Gefühl, dass ich im Alltag ständig an meine Grenzen gehe oder auch darüber hinaus. Dass ich das machen muss, um irgendwie am Leben teilzuhaben. Um zu arbeiten. Um nicht aufzufallen. Um Dinge zu machen, die mir Freude bereiten. Besonders neue Situationen und Aufgaben, Termine mit mehreren Menschen und Telefonate sind für mich herausfordernd. Und genau daraus besteht irgendwie das Leben.
Grenzen akzeptieren und einfordern
Auf meine Grenzen zu achten fällt mir ziemlich schwer – besonders bei der Arbeit. Mein Körper sendet mir zwar meistens rechtzeitig Signale, aber diese ignoriere ich dann meistens erstmal. Denn irgendwie ist es auch schwierig, im Arbeitsalltag dann entsprechende Maßnahmen zu ergreifen und meinem Körper die Ruhe zu geben, die er vielleicht gerade bräuchte. Wahrscheinlich könnte man sogar Möglichkeiten finden, aber dafür müsste ich meine Bedürfnisse ansprechen und – in meinen Augen – Umstände bereiten. Aufmerksamkeit auf mich ziehen – genau das, was meine soziale Angststörung verhindern will. Denn dann könnte ja jemand schlecht über mich denken. Wobei nicht nur jemand, sondern alle.
Verschiebung von Grenzen
Grenzen beschäftigen mich im Alltag sehr oft: Grenzen zu setzen, aber auch zu merken, wie sich die eigenen Grenzen verschieben. Wenn ich so darüber nachdenke, muss das gar nicht immer negativ sein. Vor einigen Jahren wäre es für mich noch nicht möglich gewesen, mit meinen Kolleginnen in der Mittagspause in die Mensa zu gehen und dort etwas zu essen. Inzwischen kann ich sogar sagen, dass ich es eigentlich sehr schön finde, die Mittagspause gemeinsam mit dem Team zu verbringen. Auch wenn die Ängste dabei weiterhin mein Begleiter sind. Diese Grenze hat sich also weiter geöffnet, was ein großer Erfolg ist.
Grenzen als einschränkende Mauer
Doch viel häufiger beschäftigt es mich im negativen Sinne. Wenn ich darüber nachdenke, was ich früher alles machen konnte. Wie vollgepackt meine Tage waren. Wie ich von der Arbeit direkt zum Tanzzentrum gelaufen bin, um dort noch ein paar Stunden lang zu proben. Wie ich an den Wochenenden von einer Tanzprobe zur nächsten gehetzt bin. Oder auch einfach nur, wie ich am Wochenende eine kleine Wanderung mit meinem Freund machen konnte. All das ist jetzt nicht mehr möglich. Wird begrenzt von meiner Rheuma-Erkrankung. Das frustriert mich. Denn diese Grenzen fühlen sich so undurchdringbar an. Wie eine dicke, schwere Mauer, die mich umzingelt und mich im Laufe der letzten ein bis zwei Jahre immer weiter eingekesselt hat.
Ich weiß, dass es auch wieder besser werden kann. Dass mein neues Medikament bestenfalls dazu führt, dass auch diese Grenzen wieder aufgeweitet werden. Doch jetzt gerade fühlt es sich einfach nicht so an.


Hallo Mutsammlerin,
das mit den Grenzen ist echt so ne Sache, wie du super beschrieben hast.
Ich kenne das total und musste kurz lachen als ich gelesen habe:“Mein Körper sendet mir zwar meistens rechtzeitig Signale, aber diese ignoriere ich dann meistens erstmal.“
Ich kenne es nur zu gut und finde es ebenso schwer meine Grenzen zu kommunizieren oder einfach nur nach ihnen zu handeln. Weil wie du bereits beschrieben hast, könnten andere, oder sogar alle Menschen schlecht über einen denken.
Ich finde es unfassbar schade, dass Menschen wie wir, so sehr in unserem Kopf gefangen sind.
Finde es, auch wenn es doof klingt, unfair, dass so viele Menschen einfach selbstverständlich machen können was für uns eine unfassbare Herausforderung darstellt – Grenzen setzen.
Wie eine Angststörung es schaffen kann einen einzumauern kann ich voll nachvollziehen. Wie es aber aufgrund einer körperlichen Erkrankung ist, kann ich nur schwer begreifen. Ich finde es schade, dass du es weißt bzw erfahren musst.
Ich hoffe, dass so wie du auch schreibst, dein neues Medikament gutes tut und dir ein wenig Freiheit zurückgeben kann.
Das die Mauern geweitet oder, zumindest mal ein paar Türen eingebaut werden können, wünsche ich dir.
Liebe Grüße und Mut zum kommunizieren von Grenzen, denn auch wenn wir es nicht fühlen, Grenzen setzen ist selbstverständlich. Auch wenn nicht genauso selbstverständlich umsetzbar.
Blue
Danke für deine lieben Worte, Blue. Und fürs Teilen deiner Gedanken und Erfahrungen zu dem Thema. Es tut immer gut zu lesen, dass man damit nicht alleine ist. Und ja, es ist wirklich unfair, dass das für uns so eine große Herausforderung ist. Und jedem anderen würde man ja auch sagen: Hör auf deine Grenzen. Es ist okay, die zu kommunizieren und danach zu handeln. Aber bei einem selbst… hoffentlich wird das für uns beide noch einfacher! 🙂
Liebe Mutsammlerin,
das mit der körperlichen Grenze fühlt sich gruselig an und du hast es wirklich gut beschrieben.
Wahrscheinlich ist es Teil von psychischen Erkrankungen, zumindest Depressionen, die Fortschritte nicht zu sehen. Bitte tu das weiterhin mehr. Ich wünsche dir alles Gute.
Buchstabenspielerin
Danke dir, liebe Buchstabenspielerin. 🙂
Liebe Mutsammlerin,
nachdem ich die erste Podcastfolge vom lebensmutig Podcast mit dir gehört habe, bin ich ein kleiner Fan von dir, da ich finde, dass es sehr mutig von dir ist deine Erfahrungen, Gedanken und Gefühle sowohl in dem Podcast als auch hier in diesem Blog zu veröffentlichen. Gib weiterhin deine Hoffnungen nicht auf und auch ich hoffe mit dir, dass deine Grenzen sich wieder weiten werden.
Liebe Jessica, deine Worte berühren und freuen mich gerade sehr! Vielen lieben Dank 🙂