Triggerwarnung:

In diesem mehrteiligen Beitrag geht es um akute und rasche Verschlechterung von Symptomen und können beim Lesen schlechte Gefühle auslösen. Ich habe dennoch versucht so oberflächlich wie möglich zu sein.

Wenn du das Gefühl hast du kannst den Beitrag nicht alleine Lesen, hole dir jemanden an deine Seite oder lasse diesen und die nächsten Beiträge dieses Titels aus.


Von Abgrenzung, Halt und tollen Menschen

Ein paar Tage nach mir wurde ein junger Mann aufgenommen, mit welchem ich mich sehr gut verstanden habe. Er ist ein echt toller und lustiger Mensch. Nach einiger Zeit bemerkte ich das es mir sehr schwer fällt mich ihm gegenüber abzugrenzen wenn er einen seiner epileptischen Anfälle hat. Meist hatte er seine Anfälle beim Abendessen. Er saß im zweiten Raum sodass ich es nie direkt mitbekommen habe.

Immer wenn es passierte schaute ich nach hinten in den Speisesaal in welchem er aß und ging meine Liste durch. Genug Leute da die auf ihn aufpassen?, Räumen sie die Tische weg falls er krampfen sollte?, Ist die Pflege informiert? Als ich alle Punkte abgehakt habe konnte ich weiter essen (ich weiß wie abstrakt das klingt). Er wuchs mir immer mehr ans Herz und ich war gerne mit ihm zusammen.

Einmal bekam er in der Ergotherapie einen seiner Anfälle, an diesem Tag ging es mir nicht besonders gut und ich versuchte mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und habe versucht nichts von den anderen mitzubekommen. Irgendwann meinte eine Mitpatientin: „Jeder der das nicht aushalten kann geht jetzt bitte raus“ und ich wusste jetzt geht es wieder los. „Schnell raus hier, die Pflege ist auf dem Weg, du kannst hier nichts tun“, ging es mir durch den Kopf. „Schau aus dem Fenster und konzentriere dich auf die Wolken“, versuchte ich mir selbst zu sagen. Ich war wie gelähmt und wusste nicht was ich tun soll.

Ich habe mir viele Gedanken gemacht warum es mir so schwer fällt mich bei Ihm abzugrenzen, der Grund ist einfach, dass ich ihn sehr gern hab und keinerlei Kontrolle darüber habe. Ich kann keine professionelle Rolle einnehmen hinter der ich mich verstecken könnte, es steht mir nicht zu und ist nicht meine Aufgabe. Es wäre ihm und mir gegenüber nicht gerecht.

Hilflos, handlungsunfähig und paralysiert, ich kann nichts tun, nichts verbessern oder ändern. Ich kann nichts sagen das ihn aufbaut, ihm hilft. Ich kann ihn nur in den Arm nehmen und ihn spüren lassen das ich da bin.

Wo soll ich bloß anfangen?…

Ich kann mich nicht mal erinnern wie wir ins Gespräch gekommen sind, vermutlich beim Rauchen… oder ich habe wieder einen meiner blöden Witze gerissen woraufhin wir lachen mussten. Ist ja egal…

Es kommt mir so vor als kennen wir uns schon länger, ich kann es nicht beschreiben. Ich habe mit dieser Patientin so viele tolle Gespräche geführt, sie hat mich oft dazu gebracht lange nachzudenken und tiefer zu graben. An schwierigen Tagen konnte sie mir eine gute Stütze sein. Sie hat oft gewusst was in mir vorgeht auch ohne das ich viel sagen musste. Sie hat mich in gewisser weise durchschaut und wusste genau welche Fragen sie stellen musste. Für jedes Aber das aus meinem Mund kam wusste sie was zu fragen oder sagen ist.

Auch wenn wir mal still waren und einfach nur da saßen war es ein tolles Gefühl. Sie strahlt so viel Stärke und Weisheit aus, was so wie ich es beobachtet habe jedem zu Gute kam. Man hätte glauben können sie sei vom Personal, weil alles was sie sagte so wertvoll war. Oft habe ich das Gefühl ich kann nicht zurückgeben, dass sich so wertvoll anfühlt wie das was sie einem gibt.

Ich habe bewusst nur primär von diesen beiden Menschen da sie mir so viel gegeben haben in der kurzen Zeit in der ich jetzt dort war. Wir konnten viel zusammen Lachen aber auch tiefe Gespräche führen. Diese beiden Menschen tragen soviel Güte und Liebe in ihren Herzen und haben Teile in sich die ich sehr schätze und mir für mein Leben selbst wünsche.

Ich habe es schon oft gesagt, „Ich glaube die tollsten Menschen sind oft diese, welche sich hinter Klinikmauern befinden“. Diese Menschen mussten so viel Schmerz und Leid ertragen, dass sie sich als Patienten wiederfinden. Sie werden von der Gesellschaft oft belächelt oder vernachlässigt, weil sie nicht mehr funktionieren können. Aber niemand weiß wie lange sie funktionieren mussten bis sie gebrochen wurden.

Das funktionieren müssen und 110% geben ist der große Fehler.

Zuhause – oder doch nicht

Gestern wurde ich nach 3,5 Wochen entlassen da meine Reha Ende der Woche beginnt. Der Abschied fiel mir schwer und er wirkt immer noch nach. Als ich zuhause angekommen bin wollte ich am liebsten wieder nach oben in die Klinik fahren. Ich stand erst mal 10 Minuten in meinem Zimmer und habe mich gefragt was ich hier eigentlich verloren habe…

Mein ganzen Essen im Kühlschrank ist geschimmelt und meine Mitbewohnerin meinte „Ich wusste nicht ob du es noch gebraucht hast“… Da dachte ich mir auch nur „DANKE FÜR NICHTS“… Ich fühle mich hier nicht zuhause. Das einzige das meinen Namen oder meine Persönlichkeit ausstrahlt ist meine Bettwäsche und das kann es beim besten Willen nicht gewesen sein. Ich habe bemerkt, dass ich hier nicht mehr sein will. Ich halte es aktuell nicht aus hier zu sein. Immer mehr stellt sich das Gefühl ein, als selbstverständlich erachtet zu werden.

Es kann möglicherweise sein das ich das alles nur so negativ sehe weil ich grade in einer schlechten Phase bin. Aber um mal ehrlich zu sein, ich werde immer wieder schlechte Phasen haben und dann muss ich es wieder aushalten. Ich glaube nicht das sich etwas an der Situation ändert. Da meine Ansprüche anders sind als die meiner Mitbewohner. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen, jeder Mensch hat andere Ansprüche und meine werden eben nicht erfüllt.

Ich suche nach einer Lösung, aber jetzt geht es morgen erst mal in Reha und konzentriere mich darauf und hoffentlich lerne ich etwas das mir hilft irgendwann wieder arbeiten zu können. So wie es mir jetzt geht ist es nur eine Frage der Zeit bis ich wieder wegen der Arbeit abstürze und ich habe nicht mal eine Arbeit auf dem 1. Arbeitsmarkt.

Ich halte euch auf dem Laufenden.

 

Bis dann…

Autor*in: N Blue

Das wird ein Kampf, ein Kampf um meine Gesundheit, ein Kampf um eine glückliche Zukunft und ein zufriedenes Leben. Diesen Kampf kämpfe ich gerne... zumindest die meiste Zeit.

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