Triggerwarnung:

In diesem mehrteiligen Beitrag geht es um akute und rasche Verschlechterung von Symptomen und können beim Lesen schlechte Gefühle auslösen. Ich habe dennoch versucht so oberflächlich wie möglich zu sein.

Wenn du das Gefühl hast du kannst den Beitrag nicht alleine Lesen, hole dir jemanden an deine Seite oder lasse diesen und die nächsten Beiträge dieses Titels aus.


Steilflug

Mittlerweile sind ein paar Tage vergangen und ich hangle mich so gut es geht durch die Woche und versuche nicht zu zerbrechen.

Zitat aus meinem Tagebuch: „Da ist sie wieder, die Leere, heute morgen ging es mir gut und jetzt flacht es seit Stunden wieder ab… Ich habe dröhnende Leere in meinem Kopf, fühle mich ausgebrannt… … Wie lange halte ich das noch aus?“

Zusätzlich war der 2. Todestag meiner Großmutter was ich seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Wenn ich an sie denke fängt eine Kettenreaktion an Gedankenkonstrukten an die ich nicht aufhalten kann. Fast täglich ist der Tod in meinen Gedanken zuhause. Die Gedanken sind generalisiert, es gab keine konkreten suizidalen Gedanken, dennoch war es schwer für mich auszuhalten.

Zeitgleich habe ich realisiert, dass ich unfähig bin Freundlichkeit als Freundlichkeit zu deuten und diese auch so abzutun. Wenn ein generelles Grundinteresse von meiner Seite besteht fällt es mir schwer die Freundlichkeit so anzunehmen wie sie ist. Ich steigere mich in Gedanken und Gefühle rein die komplettes Chaos in mir auslösen. Möglicherweise fällt es mir deshalb schwer, weil ich nicht gerade die besten Erfahrungen mit Männern gemacht habe und mir gleichzeitig nicht sehnlicher wünsche als eine Partnerschaft, was solche Situationen natürlich nicht gerade leichter machen.

Nach und nach baut sich immer mehr Druck auf der auf irgendeine Weise raus gelassen werden möchte…

Donnerstags habe ich mich dann mit A.-L. getroffen und wir haben etwas zusammen gekocht und gegessen. Danach haben wir noch ein wenig geredet, bis meine neue Mitbewohnerin dafür sorgte, dass wir die WG verlassen mussten. Nichts für ungut, sie ist bestimmt ein netter Mensch, aber ihre Art war mir zu dieser Zeit einfach zu viel und sie war unmöglich auszuhalten zu diesem Zeitpunkt. So liefen wir in den Wald und setzten uns auf eine Bank am Waldrand und redeten weiter.

Wir haben buchstäblich über Gott und die Welt gesprochen bis ich wieder in tiefe und akute Themen abgeschweift bin. Von jetzt auf gleich sprudelten alle meine Gedanken und Probleme der letzten Wochen aus mir heraus und ich spürte wie mein verlangen mich zu übergeben immer stärker wurde.

Nach einiger Zeit gefühlt endlosen Geredes meinerseits, riet mir A.-L. die Rufbereitschaft meiner Einrichtung anzurufen um mit jemandem zu sprechen der mich eventuell besser auffangen kann als sie es kann und mir unvoreingenommen Hilfe geben kann. Leider war das reine Zeitverschwendung, ich hörte die Frau am anderen Ende kaum und sie schien mir sichtlich überfordert. Ich sagte ich ich würde am liebsten nach Hause fahren und Gras rauchen oder mich betrinken, dann meinte sie nur: „Wenn sie denken es geht ihnen zuhause besser dann können sie ja dort hinfahren“. Da dachte ich mir auch sie hat überhaupt keine Ahnung was ich ihr gerade gesagt habe.

Letzten Endes bin ich dann wieder in die WG gelaufen, auf dem Weg durch den mittlerweile ziemlich dunklen Wald bemerkte ich das ich nur noch unscharf Umrisse erkennen konnte, nicht mal die Uhrzeit auf meinem Handy konnte ich sehen. Kurz bevor wir den Waldrand am Anfang der Stadt erreichten konnte ich wieder einigermaßen klar sehen und meine Panik vor einem möglichen Axtmörder hatte sich auch langsam gelegt.

Zuhause angekommen legte ich mich nur ins Bett und wartete, wartete darauf einzuschlafen, einzuschlafen und nichts mehr denken zu müssen.

Zwischenstopp – Station 06

Die Nacht war die Hölle ich habe kaum geschlafen und wenn ich es geschafft hatte wachte ich 10 Minuten später wieder auf. Ich wollte mich am liebsten irgendwie betäuben, „Alkohol oder Gras, das wäre meine Rettung“, dachte ich oft, „Hauptsache Kopf abschalten und schlafen“.

Morgens war ich für ungefähr 20 Minuten viel zu müde um mich daran zu erinnern wie schlecht es mir ging und wie scheiße der Tag gestern geendet hat. Gegen 10h oder 11h ich weiß es nicht mehr genau kam meine Betreuerin vorbei, wir hatten sowieso einen Termin. Sie wusste gar nicht, dass ich gestern angerufen hatte, so musste ich ihr alles erneut erzählen, es brodelte aus mir heraus, als würde ein Vulkan jeden Tropfen Lava loswerden wollen.

Ich sagte ihr auch, dass ich das Gefühl habe, dass alles was sie nun sagen würde nicht helfen wird, da ich aktuell viel zu weit weg bin als das was sie und die Betreuung hier für mich tun kann ausreichen würde. Irgendwann unterbrach sie mich mit ungefähr den Worten: „Sie müssen hier jetzt mal einen Punkt machen, so kommen wir nicht weiter“.

Sie spürte deutlich das ich nicht mehr konnte und reagierte schnell und riet mir das ich in die Zentralaufnahme der nahegelegenen Klinik gehen soll, sie würde mich fahren. Als das Wort Klinik fiel konnte ich nicht anders ich musste weinen, es hat mir so eine Last von den Schultern genommen. Ich wusste nämlich nicht wie ich das Wochenende alleine zuhause hätte überleben sollen.

Oben angekommen spürte ich wie die Last weniger geworden war, das weinen und der Weg in einen geschützten Rahmen war genau das richtige für mich.

Nach dem Aufnahmegespräch mit der Ärztin konnte ich direkt auf eine Station auf welcher ein Bett frei geworden war. Nach dem Pflegeaufnahmegespräch war schon Zeit für das Mittagessen. Die Praktikantin holte mich aus meinen Zimmer ab und führte mich in den Aufenthaltsraum und zeigte mir meinen Platz. Noch bevor ich sehen konnte wohin sie zeigte, fing ich an zu weinen. Die Blicke der anderen Patienten und der Geruch des Essens waren einfach zu viel für mich. Ich flüchtete aus dem Speisesaal und weinte vor der Tür. Nach der Einnahme meines Bedarfsmedikaments ging es mir einigermaßen besser.

Das erste Wochenende zog ich mich zurück und redete nur mit Patienten wenn es wirklich nicht anders ging. Ich dachte: „Schließlich bleibe ich nicht lange“. Nach einiger Zeit taute ich etwas auf und lernte einige Patienten näher kennen. Insgesamt muss ich sagen waren alle sehr nette Menschen auch wenn ich nicht mit allen Kontakt pflegte. Ich bemerkte wieder wie sehr ich zwischenmenschliche Kontakte schätze und wie sehr sie mir gut tun.

Ich hatte sehr tolle Gespräche und ich habe mehr Umarmungen in einer Woche gehabt als ich das letzte Jahr hatte. Mittlerweile geht es mir wieder Phasenweise besser, meine Selbstwahrnehmung hat sich wieder gebessert, die Bewegung die ich dort hatte hat mir mehr als gut getan und ich bin bereit für die anstehende Reha, bereit weiter zu machen und bin wieder bereit zu kämpfen.

Autor*in: N Blue

Das wird ein Kampf, ein Kampf um meine Gesundheit, ein Kampf um eine glückliche Zukunft und ein zufriedenes Leben. Diesen Kampf kämpfe ich gerne... zumindest die meiste Zeit.

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