Nein, Nein, Nein – Wut du darfst nicht sein!

„Wut ist unangemessen, macht einen aggressiv und ist einfach nur hässlich“. So habe ich jahrelang gedacht. Der Grund dafür – ich hatte niemanden der mir beigebracht hat wie man Wut gesund rauslässt, ohne durchzudrehen, zu schreien oder andere zu verletzen.

Alkoholiker und Choleriker: So würde ich den Ex Partner meiner Mutter beschreiben. Kaum etwas getrunken schon wurde es laut. Er schreit rum, beleidigt und verletzt – körperlich oder psychisch, spielt hier keine Rolle. Das war so ziemlich meine Begegnung mit Wut. In der Schule war das nicht anders, wurde jemand wütend, dann wird herumgeschrien, manchmal auch geprügelt.

Das widersprach so ziemlich allem was ich sein wollte oder wer ich sein wollte. Einzig logische Konsequenz – nicht wütend sein. „Wütend sein ist böse und hässlich, so willst du nicht sein, so bist du nicht!“

So ging es dann Jahre lang, wenn ich wütend wurde schluckte ich es runter, am besten mit etwas zu essen, damit man Gewicht drauf hat und die Wut nicht so leicht wieder nach oben kommt. Hier und da kam sie aber mit geballter Kraft nach oben. Alles was sich aufgestaut hat kam nach oben und erreichte das Ziel das am nächsten war. Oft war es meine Mutter oder auch meine Brüder.

Das hat es nicht besser gemacht, ich meine ich bin wegen Kleinigkeiten explodiert und dann gab es noch Stress mit ihnen, weil ich sie angeschrien habe. Und das hat meine Gedanken eigentlich nurnoch bestätigt: „Wut ist schlecht, Wut ist böse“.

In meinen Klinikaufenthalten habe ich gelernt, Wut ist ein ganz normales Gefühl. Ein Gefühl das wie jedes andere seine Daseinsberechtigung hat. Ich soll lernen es zuzulassen. Aber warte, Wut ist doch ein schlechtes Gefühl, wieso es zulassen?

Annehmen und gesund rauslassen

Der erste Schritt war eigentlich zu erkennen wann/warum ich wütend war. Das fiel mir sehr schwer, denn ich konnte das Gefühl nie wirklich fassen. Also musste ich auf meinen Bauch hören, Buchstäblich auf ihn hören, ich somatisiere nämlich sehr stark wenn ich Gefühle unterdrücke und sie nicht rauslasse. Aber das ist bei jedem Gefühl so, deswegen musste ich erst mal erkennen wann war es Wut. Das hat einige Zeit gedauert. Aber irgendwann habe ich es erkannt.

Ok die Wut haben wir jetzt erkannt, nur wie nehme ich sie an? In den ersten Tagen, ging es mir so schlecht, ich stand so unter Spannung und mir war so extrem übel. Ich war zum Glück in einem Klinik setting und hatte Ansprechpartner, sei es das Pflegepersonal oder die Therapeuten, die gleichermaßen gute Unterstützung geliefert haben.

Ich habe gelernt, das man um die Wut anzunehmen sie auch rauslassen muss, da man ihr sonst nur ausgeliefert ist und sie sich aufstaut bis man explodiert. Das explodieren kannte ich, aber das wollte ich ja nicht mehr.

Die Schritte die mir damals sehr gut geholfen haben waren: Sport, Musik und Kommunikation. Sport und Musik kann man super verbinden. Also rannte ich, ich rannte so schnell ich konnte um den Block bis ich keine Ausdauer mehr hatte. Ich merkte förmlich als ich dann da stand und keuchte und nach Luft schnappte das alle Energie aus dem Körper lief und die Wut gleich mit ihr.

In der Nähe der Klinik gab es zwischen zwei Hauptstraßen die stark befahren waren eine Grünfläche mit einigen Bäumen und dort war es wegen der Autos ziemlich laut. Das war die perfekte Kulisse um die Kopfhörer in die Ohren zu stecken und die Musik aufzudrehen. An manchen Tagen half es auch mehr ganz laut mitzusingen. Ich redete mir ein das mich niemand hören kann aufgrund der lauten Straße und das gab mir genug Selbstvertrauen zwischen zwei Straßen zu singen. Das singen wurde in der Klinik eine Art Ritual.

Wenn dann die Wut abgeklungen war, geht es um die Kommunikation. Am besten natürlich mit der Person welche das Gefühl ausgelöst hat. Am Anfang sprach ich natürlich erst mit einer Pflegekraft und meiner Therapeutin. Ich lernte, das die Wut aufgrund von Enttäuschung und auch Grenzüberschreitungen aufkommen kann. Das bedeutet, das die Person welche das Gefühl bei mir durch irgendetwas auslöst nicht direkt Schuld ist.

Es geht nämlich um eigene Grenzen und Werte die man vertritt und wenn die Person das nicht weiß und für sich selbst normal agiert, dann kann sie nicht wissen was das in dir auslöst. Also geht es jetzt auch in die Kommunikation mit der Betroffenen Person. Bei den meisten Menschen funktioniert das eigentlich ganz gut wenn man ihnen erklärt was die Situation in einem auslöst und verständlich macht das es kein persönlicher Angriff ist.

Am besten funktioniert das, wenn man nicht anklagend kommuniziert, es hilft weder dir noch deinem Gegenüber wenn du der Person sagst: „Du machst nie irgendwas im Haushalt“ (z.B.). Sprich lieber über dich, die Wut gehört ja zu dir: „Ich habe das Gefühl ich mache mehr im Haushalt als du“ oder „Ich würde mir wünschen, dass du mich im Haushalt unterstützt“.

Bleibe stets Respektvoll und lass der Wut nicht freien Lauf.

Autor*in: N Blue

Das wird ein Kampf, ein Kampf um meine Gesundheit, ein Kampf um eine glückliche Zukunft und ein zufriedenes Leben. Diesen Kampf kämpfe ich gerne... zumindest die meiste Zeit.

in Zusammenarbeit mit:

Logo Schon mal an Selbsthilfegruppen gedacht?