Seite auswählen
Beinloser Sportler bei einem Rennen bei den Paralympics

Letztens haben wir Blogautor*innen über das Wort „Behinderung“ diskutiert. Welche Gedanken wir uns dazu gemacht haben, könnt ihr in folgendem Dialog nachlesen:

Dickdarmlos: Hey ihr, angeregt durch ein Seminar in der Uni heute (Ethik)…: Was ist für euch Behinderung? Was bedeutet das Wort ‚behindert‘ und hat es für euch eine oder mehrere Bedeutungen? Darf man überhaupt noch behindert oder Behinderung sagen, oder sind für euch diese Worte zu negativ behaftet?

Mandy: Bei meinem Vorbereitungsseminar vom FSJ habe ich ein Seminar zum Thema Ableismus besucht und da haben wir eine lange Liste mit Wörtern bekommen und sollten uns überlegen, wieso die diskriminierend sind. Aber ehrlich gesagt, fand ich manches auch irgendwie übertrieben. (Ich frage mich gerade, ob ich überhaupt eine Meinung dazu haben darf, aber in dem Seminar gab es auch Begriffe in Bezug auf die Psyche, also darf ich wohl eine persönliche Meinung dazu haben.) Die Trainerin des Workshops hat uns gesagt, dass die Art es korrekt zu benennen ist, be_hindert bzw. Be_Hinderung zu sagen/schreiben. Ich hatte mir dazu noch aufgeschrieben: Wechselwirkung mit Barrieren, die an vollständiger und wirksamer Teilhabe hindern. Deshalb auch der Fokus auf das Wort Hinderung, weil es Hindernisse von der Gesellschaft gibt.

Buchstabenspielerin: Ich finde, man darf behindert grundsätzlich sagen – @ Dickdarmlos. Für mich ist aber der Kontext wichtig. Das Wort sollte nicht verfremdet werden und dadurch zu negativ behaftet werden. Also ich meine genau dieses flapsige, aber auch wirkliche Beleidigungen. Das gilt auch für „schwul“ und „Spast“ und für mich auch für „behindert“. Ich finde man sollte diese Worte nicht synonym verwenden für „Du bist doof. Du stellst dich doof und lustig an.“, oder eben dass man jemanden beleidigen will. Denn ich glaube, dann wirkt diese Benutzung auch andersrum, dass quasi behinderte, jemand mit Spastiken, Homosexuelle „doof sind” bzw. Homesexualität / Behinderung an sich durchweg negativ seien. Also ich glaube, dass die Bedeutung selbst und die Menschen die es *eigentlich* bezeichnet degradiert werden, wenn man es als Beleidigung benutzt.  Also man sollte es nicht als Beleidigung verwenden, finde ich. Auch nicht flapsig. Aber auch mir „rutscht es mal raus“ und das ist nicht suuper schlimm. Es sollte nur vermieden werden und bewusst sein. Doch deswegen muss man nicht eine große Diskussion aufmachen. Glaube ich. Ich würde mir nur einen bewussteren Umgang mit den Wörtern wünschen, die eigentlich etwas anderes oder eine Gruppe von Menschen bezeichnen. Was ist Behinderung? Ich werde behindert und bin es auch irgendwie. Die Bezeichnung finde ich völlig okay. Denn Behinderung ist, wie Mandy schon meinte, etwas dass mich hindert, dass mir das Leben schwerer macht. Aber es zeigt mir auch eine neue Sichtweise auf das Leben, weil ich Umwege gehen muss.

Dickdarmlos: Danke für eure Meinungen! 🙂 Ich finde, dass man die Nutzung der Worte nicht dramatisieren sollte, aber genau das passiert meiner Empfindung nach gerade. Ich denke, dass dies dazu führt, dass die Wörter Tabu werden und man behinderte Menschen nicht mehr „offensichtlich“ als behindert bezeichnen darf. Und das, obwohl meiner Erfahrung nach die Menschen, die es betrifft, mit dem Wort „behindert“ oder „Behinderung“ kein Problem haben bzw. es als neutral ansehen.

Buchstabenspielerin: Genau, dramatisieren sollte man es nicht, ich finde aber, man sollte es nicht falsch / negativ verwenden. Aber als Wort für meine Legasthenie, für mich ist es auch neutral.

Gedankentänzer: Ich stimme Buchstabenspielerin zu und empfinde es z.B. als sehr verletzend, wenn das Wort „schwul“ als Beleidigung/Abwertung verwendet wird. Bei „behindert“ sehe ich es genau so. Für jemanden, der wirklich eine Behinderung hat, sage ich auch nicht „der ist behindert“ oder „das ist eine Behinderter“ sondern „der hat eine Behinderung“ oder „das ist ein Mensch mit Behinderung“. Genau so kann ich entweder verallgemeinern, dass es „die Depressiven“ gibt (was ich leider selber manchmal tue) oder eben sagen, dass jemand eine Depression hat / unter Depressionen leidet. Für mich macht es einfach einen Unterschied, ob ich ein Attribut zum Synonym für die ganze Person mache oder signalisiere, dass es ein ganzer Mensch ist mit eben diesem Attribut. Danke für die Anregung zu dieser Diskussion. Ich finde es wichtig, sich immer wieder mit Sprache und Wörtern zu beschäftigen, denn Sprache prägt und schafft Wirklichkeiten.

Dickdarmlos: Ich sag ab und an das Wort behindert im „flapsigen“ Zusammenhang. Gegenüber behinderten Personen ist es mir auch schon raus gerutscht und ich habe da bisher nur entspanntes / lustiges Feedback / Reaktionen bekommen. Ich sehe es echt nicht so eng, auch wenn ich finde, dass man es nicht als gezielte Beleidigung nutzen sollte.

Wheely Girl: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mich schon trifft, wenn jemand „Spasti“ zu mir sagt. Und ich finde es ganz wichtig, wie das Wort „behindert“, „Spastiker“ usw. benutzt wird. Das hat nix mit blöd zu tun! Ich sage auch lieber „Ich habe eine Behinderung“ als „Ich bin behindert.“ Eher werde ich behindert – durch die Gesellschaft.

Gedankentänzer: Danke Wheely Girl, das kann ich gut verstehen!

Foto: Jörg Farys (Copyright), Die Projektoren | Gesellschaftsbilder.de

Avatar

Autor*in: Alle zusammen

Wir sind die Blogautor*innen von Lebensmutig. Wir schreiben über unsere Erfahrungen mit Selbsthilfe, über unsere Erkrankungen und Themen und über die Herausforderungen, die wir bewältigen. Manchmal diskutieren wir untereinander über Themen, die uns gerade auf den Nägeln brennen. Dann dokumentieren wir das unter diesem Profil in einem besonderen Beitrag.

in Zusammenarbeit mit:

Logo Schon mal an Selbsthilfegruppen gedacht?