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Warum schreibe ich… Die Frage sollte eher lauten: Warum schreibe ich nicht?

Es gibt doch so einen Spruch: „Lasse deinen Gedanken mal freien Lauf“. Wieso auch nicht? In der heutigen Gesellschaft müssen wir ständig alles für uns behalten oder es zumindest umformulieren, netter sagen, direkter aussprechen, kürzer fassen, ach da gibt es doch eine lange Liste.. Ist es denn nicht schön, wenn wir einfach ganz so wie wir es wollen, Dinge formulieren und in die Welt hinaustragen können? Es ist befreiend, wenn wir einfach mal wir selbst sein können; und für die meisten leider oftmals viel zu selten..

Die Welt macht uns schnell zu Mitläufern, Angreifern oder Opfern, wenn wir es denn zulassen. Und das tun wir leider auch viel zu oft.

Um ehrlich zu sein, bin ich fast immer ein sehr direkter Mensch. Natürlich führt das oft zu Problemen, ganz gleich ob in der Familie, Freunden oder auf der Arbeit. Aber das ist meine Art und das will ich auch nicht mehr missen. Dennoch gibt es bei all dem Leistungsdruck und der Schnelligkeit im Alltag häufig keinen Raum für tiefgründige Gedanken. Wer schonmal ein ernstes Gespräch geführt hat, weiß wie lang es dauern kann. Und bei einem Gespräch wird ein Dialog geführt, Rede und Antwort stehen ist da oft die Devise. Wir Menschen diskutieren von Natur aus gerne, Dinge einfach mal stehen lassen und ohne Kommentar oder Antwort darüber nachdenken,.. seien wir doch mal ehrlich: Wann passiert das schon? Wie oft kommt es vor, dass man nicht ausreden gelassen wird, oder vielleicht sogar erst gar nicht zu Wort kommt?

Diese Woche haben wir in der Selbsthilfegruppe eine Übung gemacht: Wir haben ein Thema ausgewählt und in die Mitte eine Flasche gestellt. Wer die Flasche in der Hand hielt, hatte das Wort. Der nächste, der die Flasche nahm, sollte nur zu dem Thema etwas sagen, nicht zu dem Vorredner, damit keine Diskussion entsteht. Die anderen mussten einfach ruhig sein und zuhören. Einfach? Von wegen, der erste redete dazwischen, wollte etwas dazu sagen; der nächste sprach zwar mit der Flasche in der Hand, jedoch zu dem was der vorherige gesagt hatte. Ich wiederholte die Regeln und es hielten sich alle daran, auch wenn manche sich nicht trauten die Flasche zu nehmen. Denn alle waren daran gewöhnt rei um zu sprechen und nicht aus Eigeninitiative heraus. Man spürte jedoch richtig die Anspannung. Man sah wie manche die Lippen zusammenpressten, andere tippten mit dem Fuß auf dem Boden, andere spielten nervös an ihren Händen herum. Ich muss zugeben, auch für mich war es nicht einfach. Einfach Dinge im Raum stehen lassen, ist eben nicht so einfach. Am Ende der Übung sagten mehrere direkt: „So und jetzt lass uns bitte darüber diskutieren“. Einfach ist es nicht, und stehen lassen, wohl eher nur für einen Moment.

Das ist das schöne am Schreiben. Man kann Dinge im Raum stehen lassen, einfach so. Es ist wie ein Geschenk, denn, wann kann man das bitte schon? Man kann in Ruhe darüber nachdenken, sich Zeit lassen, man muss nicht direkt Rede und Antwort stehen. Wie andere schauen, wie sie reagieren, kann einem ganz gleich sein, denn man sitzt schließlich hinter dem Computer..

Doch das beantwortet meine „umgestellte“ Frage: Wieso schreibe ich eigentlich nicht? Präziser: Wann schreibe ich eigentlich nicht? Ich schreibe nicht, wenn Dinge einfach mal ausgesprochen werden müssen. Wenn ich die Gedanken mal nicht in mir lasse, sondern ausspreche. Und ja, manchmal darf es einem egal sein was andere denken und wie sie reagieren, manchmal muss es einem egal sein. Manchmal ist es egal.

 

Melly

Autor*in: Gedankenschwärmerin

Mein Name ist Melly und ich bin 23 Jahre alt. Ursprünglich bin ich durch meine Depressionen, vor allem durch starkes Mobbing ausgelöst, in die Selbsthilfe gekommen. Therapieplätze sind rar und zeitmäßig selten. Alle ein bis drei Monate eine Sitzung bringen reichlich wenig, vor allem wenn man erstmal zwei Jahre auf einen Platz warten muss. Hätte ich damals gewusst, dass es Selbsthilfegruppen gibt, wäre ich sofort beigetreten, daher ist es mir so wichtig, dass mehr Menschen erfahren, dass es sowas gibt und man sich einfach und kostenlos Hilfe suchen kann. Damals bin ich in eine Erwachsenengruppe gekommen. Hier in der Umgebung war es die einzige Selbsthilfegruppe für Depressionen. Da ich mit großem Abstand die jüngste war, kam schnell die Idee eine eigene Selbsthilfegruppe für junge Menschen zu gründen. Sie richtet sich an Menschen mit Depressionen, Ängsten, Mobbing und Schlafstörungen. Nun wurde bei mir noch die Krankheit RGS festgestellt, eine Nervenkrankheit, bei der es weder eine richtige Behandlung noch Heilung gibt, denn die Erkrankung betrifft extrem wenige und es gibt absolut keine Forschungen dazu. Dazu werdet ihr noch einen ausführlichen Beitrag lesen, denn diese Krankheit ist auch noch ein absolutes Tabuthema. Dadurch ist die Selbsthilfe für mich noch wichtiger geworden. Mit Menschen zu sprechen, denen es ähnlich geht, tut gut. Man fühlt sich verstanden und nicht allein. Abgesehen davon beschäftige ich mich mit Therapiebegleitung durch Tiere. Denn für die Tierliebhaber unter uns: Tiere sind eine große Hilfe und in manchen Lebenslagen unerlässlich. Meist kommt der Hund als Therapiehilfe zum Einsatz, manchmal auch Pferd oder Katze. Interessant wird es, wenn man mit Menschen spricht, die Schweine, Ziegen, Esel oder Kühe als tiergestützte Therapie ausbilden und einsetzen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen! 🙂

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