Stoffpuppe eines Schutzengels

Hier kommt jetzt auch noch mal ein Bericht von mir dazu, wie es mir mit der aktuellen Situation geht. Ich bin zurzeit in Göttingen in einer stationären Traumaklinik. Ich bin seit Ende Februar hier. Wir sind auf der Station 18 Frauen, haben jeweils ein Einzelzimmer, manche Zimmer haben einen Balkon, meiner leider nicht.

Der Tag beginnt hier immer mit einer Qi Gong Gruppe am Morgen, danach gibt es verschiedene Gruppenangebote: Feldenkrais, Körperwahrnehmung, Skilltraining, Ergotherapie u.a. Jeder Tag endet mit einer Imaginationsgruppe am Abend. Tagsüber gibt es außerdem Einzelsitzungen mit den Therapeutinnen und manchmal auch Traumakonfrontationssitzungen. Nach diesen Traumakonfrontationssitzungen wird man durch eine Schwester nachbetreut.

Man hat hier auch viel Kontakt mit den anderen Patientinnen – trifft sich auf dem Raucherbalkon, guckt zusammen Serien oder geht gemeinsam in die Stadt zum Shoppen.

So war das zumindest vor Corona – denn es hat sich vieles geändert. Überall wurden Verhaltensregeln ausgehangen (Abstand halten, Hände waschen) …. Im Speisesaal dürfen nur noch max. 4 Leute an einem Tisch sitzen: Besuch darf nicht mehr empfangen werden. Die Möglichkeit, an den Wochenenden nach Hause zu fahren, wurde gestrichen und es gibt die Empfehlung, möglichst nicht mehr raus zu gehen.

Da sich nur noch max. 9 Personen in einem Raum aufhalten sollen, wurden die Gruppen aufgeteilt, so dass wir zum Beispiel das Qi Gong am Morgen nicht mehr alle zusammen machen, sondern in drei verschiedenen Gruppen. Dadurch können manche Gruppen auch nur noch seltener stattfinden. Die Therapeutinnen müssen auch Abstand halten, so dass sich vieles in der Behandlung verändert. Physiotherapie kann gar nicht mehr stattfinden.

Die Gefahr durch Corona ist dadurch in jedem Augenblick des Tages sehr präsent!

Aufgrund von einer Vorerkrankung gehöre ich zur Risikogruppe, daher belastet es mich sehr, wenn andere Mitpatientinnen so ignorant sind, die Regeln ignorieren und zum Teil auch noch darüber spotten.

Eine Mitpatientin hier war krank. Zum Glück hat sich herausgestellt, dass es nicht Corona war. Gut war aber zu sehen, wie schnell die Klinik reagiert hat.

Die vielen Nachrichten in den Medien stressen mich, vor allem, weil sie so widersprüchlich sind. Ich habe für mich jetzt entschlossen, meinen Medienkonsum auf ein Minimum zu reduzieren, ich gucke z.B. nicht mehr bei Facebook rein und vermeide auch andere Seiten im Internet. Ich merke, dass ich meine Panik sehr viel besser im Griff habe, wenn ich nicht so viele Nachrichten lese.

Ich überlege jetzt gerade sehr, ob ich versuchen soll, meinen Aufenthalt hier zu verlängern. Denn bei mir zuhause wäre nichts wie es war: meine Ausbildung wurde ausgesetzt, die Physiotherapietermine sind abgesagt. Dazu kommt, dass ich auch keine Familienmitglieder oder Freunde sehen könnte. Ich wäre sehr allein und weiß nicht, ob ich das psychisch aushalten würde. Hier wiederum geht es mir auch gut, weil ich hier zusammen mit den anderen Frauen bin: Wir trotz allem viel zusammen lachen, uns gegenseitig auffangen, wenn es einer schlecht geht. Wir halten uns bei Laune in dieser schweren Zeit.

Aber ich bin hin und hergerissen, denn aufgrund meiner chronischen Erkrankungen bin ich zurzeit in einer Gruppe eigentlich am falschen Platz. Ich muss es gut abwägen, was jetzt dringender ist – konzentriere ich mich auf meine körperliche oder meine psychische Erkrankung? Ich weiß es noch nicht.

Ich mache mir auch viele Gedanken um meine Freunde und Bekannte und hoffe, dass wir alle gut durch diese Zeit kommen.

Bitte passt auf euch auf!

Ich sende euch meinen Schutzengel!

Eure Trocken, Clean Und Glücklich

#coronavirus #covid19 #ShutDownGermany #coronavirusdeutschland #risikogruppen

Trocken, Clean und Glücklich

Autor*in: Trocken, Clean und Glücklich

Ich bin in der Suchtselbsthilfe zu Hause. Durch meinen Sebsthilfeverein konnte ich in vielerlei Dingen über mich hinausgewachsen. Dank meiner eigenen Betroffennheit habe ich die Möglichkeit bekommen, in einer Selbsthilfekontaktstelle, als Projektleitung Junge Selbsthilfe zu arbeiten. Krankheiten können durchaus auch positve Aspekte haben.

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