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Rückfälle der Eltern, oder Streiteren sind für uns Kinder von alkoholkranken Eltern immer belastende Situationen. Wir übernehmen dann fast automatisch die Rolle der Eltern ein, sowohl für unsere kleineren Geschwister, als auch für den Haushalt und von allem uns selbst. Natürlich baut sich dadurch über die Zeit eine Menge Wut und Frustration auf. Einige brechen aus sich heraus, andere passen wie ein Chamäleon ihre Farbe an die Umwelt an. Denn um Wut zu zeigen, muss man auch die Gegenreaktion der betrunken und wütenden Eltern aushalten können. Was nun in einem solchem Fall gesünder ist, darüber kann man lange philosophieren. In jedem Fall sind es Überlebensstrategien, die uns helfen mit der überfordernden Situation irgendwie klar zu kommen. Es steht schließlich Leib und Leben, wenigsten aber unsere Pyche auf dem Spiel.

Meine Therapie hat mir geholfen zu erforschen, welche Überlebensstrategien für mich damals am sinnvollsten waren. Sie halfen mir, nicht komplett den Verstand zu verlieren. So schmerzlich das manchmal war, es ist nun aber dennoch an der Zeit diese aufzuarbeiten und neue Wege zu gehen. Bei Planung dieses Artikels ist mir der liebevolle Begriff „Selbstfürsorgestragie“ eingefallen. Er meint fast dasselbe wie Überlebensstrategie, aber aus einer ganz anderen Perspektive. Denn für mich geht es längst nicht mehr nur darum, zu überleben. Ich will leben. Und Selbstfürsorge ist einer der wichtigsten Schritte, um für sich ein glücklicheres Leben aufzubauen. Auch, oder vielleicht erst recht weil ich noch zu Hause bei meinen Eltern lebe. Daher nun meine kurze Liste an Selbstfürsorgestrategien, die ich in den letzten Monaten für mich entdeckt habe.

Nummer 1 : Tee

In den letzten Monaten habe ich eine große Liebe zu grünem Tee entwickelt. Das ich mir vor Arbeitsbeginn in meinem Unternehmen ersteinmal eine Kanne davon zubereite, ist ein sehr stabilisierendes Ritual für mich geworden. Irgendwie scheint es dabei nicht nur so sehr um den Tee an sich zu gehen, sondern alleine schon um den Akt an sich. Für mich einen Tee zuzubereiten hilft mir mich emotional zu stabilisieren, denn es lenkt meinen Fokus auf eine für mich wohltuende Sache. Da meine Morgende meistens eher schwierig sind, ist so eine Routine enorm wertvoll.

Nach dem Aufstehen stelle ich meinen Wecker meist auf dem Schlummermodus, da ich noch liegen bleibe, um dann wieder einzuschlafen. Soweit, so normal. Aufgestanden gehe ich dann hundemüde ins Bad, wasche mich, mache mir was zu Essen und fahre los. Im Zug hoffe ich dann möglichst schnell einen Platz zu finden, nur um dann beim Aussteigen schnell zum Buss zu rennen, damit ich möglichst schon 20 Minuten früher ankomme, als mit dem späteren. Während der ganzen Fahrt neige ich meistens zu Zynismus, dazu mich und die Welt um mich herum zu verfluchen und zu hoffen, dass ich den heutigen Tag gut überleben werde. Es muss schon ein sehr guter Tag sein, damit ich mich morgens einigermaßen okay fühle. Ein Mittelmäßiger morgen bekommt von mir eine Eins mit Herzchen und zwanzig Sternen. Doch die Mühe lohnt sich. Da ich mit Gleitzeit meine Arbeitszeiten flexibel einteilen kann, komme ich gerne schon etwas früher. Denn wenn mein inneres, hoffnungslos veraltetes Betriebssstem dann ersteinmal gestartet ist, bin ich oft Vormittags wesentlich motivierter und konzentrierter, als am restlichem Tag. Die Zubereitung und das Genießen meines Tees hilft mir dann meistens, mich emotional zu stabilisieren, mich auf das Positive zu fokusieren und in die 4 bis 5 Stunden Arbeitsflow zu kommen, die meinen Arbeitstag so lohnenswert machen.

Aber auch außerhalb der Arbeitszeiten hilft mir diese Routine. Sie macht mich experimentierfreudig, neugierig auf neue Sorten. Oft schlendere ich in Läden herum, schaue mir die Sorten an und probiere einfach neues aus. Es tut meiner Seele gut, unterwegs zu sein, meine Stadt und neue Tees zu entdecken.

Nummer 2 : Sein inneres Kind zu Wort kommen lassen

Über die Jahre hat sich bei mir eine Unmenge an Wut angestaut. Wenn wir als Kind getadelt werden, oder die Eltern wütend sind, dann wird dieses Verhalten oft nicht als eines der Mutter oder dem Vater eigenes Verhalten anerkannt. Stattdessen geben wir uns als zu oft selbst die Schuld, weil wir denken nicht liebenswürdig genug zu sein, oder selbst etwas falsch gemacht zu haben. Bis zu einem gewissen Alter fehlt der emotionale Abstand zu den eigenen Eltern ihre Gefühle bei ihnen zu lassen.

In meinem Fall habe ich dieses Denken noch bis in meine Jugend mitgenommen. Wenn auf mich jemand wütend war, dann war derjenige meist im Recht. Ich wollte anderen unbedingt gefallen, gerade dann wenn sie mir gefiehlen, oder ich ein Teil der Gruppe sein wollte. Viel zu oft mache ich mich selber schlecht, weil ich Gefühle nicht beim anderen lasse, sondern alles auf mich beziehe. Andersherum lasse ich meine Gefühle all zu oft nicht bei mir, sondern projeziere sie auf andere Menschen. Wenn ich wütend bin, dann neige ich zum Beispiel dazu, einen großen Zynismus zu entwickeln. Ich stoße andere Menschen ab, denke sie wollten etwas böses von mir. Wenn ich Angst habe, dann denke ich all zu oft, die anderen mögen mich sowieso nicht, oder lehnten mich gar ab.

Durch meine Therapie und meine Selbsthilfegruppe habe ich gelernt, dass in mir ein Kind sitzt, welches sich nach Aufmerksamkeit, Liebe und Anerkennung seitens seiner Eltern sehnt. Ein Wunsch, der sich bis heute nicht erfüllt hat und auch wohl nie erfüllen wird. Denn meine Eltern konnten und können mir nicht die Liebe und Zuwendung geben, die ich als Kind gebraucht hätte. Indem ich mein inneres Kind zu Wort kommen lasse, kann ich sie mir allerdings selbst geben. Ich kann mir für meine Gefühle verzeihen und anerkennen, dass ich auch nur ein Mensch wie jeder andere auch bin. Ich bin menschlich, ich bin verletztlich und ich bin wertvoll.

Beide Bilder illustrieren gut was ich meine, auch wenn im gegenteiligem Sinne. Im einen Fall habe ich mir nach der Berufsschule ein leckeres Eis in der Sögestraße gegönnt. Es hat mir gut etwas alleine für mich zu tun, von dem Geld was ich mir alleine verdient hatte. Im anderen Fall war das Fass für mich voll, nachdem meine Eltern uns Kinder nicht zum Essen mitgenommen hatten, „weil ich lernen solle mich zu benehmen“. So zumindest mein Vater. Meine Mutter hatte sich allerdings die letzten Tage derweil so zugesoffen, dass sie sich und ihre Umwelt nicht mehr mitbekam. Da gab es kein Machtwort, kein beschütztendes Verhalten seinen Kindern gegenüber. Stattdessen waren wir vom Essen ausgeschlossen, weil wir darüber gestritten hatten, wieso das Backblech nun dreckig sei. Meiner Meinung nach war dies einer der normalsten Streits seit Monaten, doch nicht für meinen Vater. Natürlich musste da ein Machtwort gesprochen werden. Für mich war das der Tropfen, der das Fass nun entgültig zum Überlaufen gebracht hatte. Als eine weitere Konsequenz ziehe ich desshalb nun in zwei Wochen aus. Vorerst zu meinen Großeltern. Wenn ich etwas passendes gefunden habe, in die neue Wohngemeinschaft. In dem Fall dient Selbstfürsorge nicht dem Ausgleich, sondern dem Lufmachen seiner eigenen Gefühle. Das erfordert viel Mut, weil sich im wütenden Zustand zu präsentieren bedeutet, viele Schwachstellen preiszugeben. Es lohnt sich aber, denn so können wir für uns und unsere Bedrüfnisse einstehen, wenn sie zugleich missachtet werden.

Nummer 3 : Ausbrechen

Ich hänge mit meinem Alltag aktuell irgendwo zwischen Routine und Chaos. Routine weil meine Woche sehr schön durchstrukturiert ist. Chaos weil ich beim Nachhausegehen nie weis, was passieren wird. Beides an sich, kann richtig abgewogen sehr wohltuend sein. Routine gibt mir eine innere emotionale Struktur, die mir ohne sie fehlt. Sofern ich ein Wochenende nicht im Vorraus geplant habe, geht es mir daher dann deutlich schlechter, als an den Wochentagen. Die starke Routine die ich mir auferlege löst in mir aber auch ein großes Gefühl des Gefangenseins aus. All zu oft merke ich, dass sich nichts bewegt, dass ich mich selbst einenge. Im Chaos wiederum sehne ich mich nach klaren Strukturen, nach einem geordnetem Ablauf der Dinge. Ich würde gerne wissen, was als nächstes passiert und wünsche mir viel Kontrolle wieder, die ich in solchen Zeiten verliere. Auf der anderen Seite ermöglichen es mir genau diese unvorhersehbaren Situationen, mich weiterzuentwickeln. Ich lerne dadurch meine Grenzen zu erweitern und mich neuen Möglichkeiten gegenüber zu öffnen. Seie es nun den Schmerzvollem, oder Schönem gegenüber.

Ein wichtiger Punkt meiner Therapie ist es, mich genau solchen unvorhersehbaren Situationen zu stellen. Nicht indem ich sie kontrollieren möchte, sondern indem ich mich traue, mich dem Augeblick zu überlassen. Dies ist ein wichtiges Ziel, da ich gemerkt habe, dass solche Augenblicke richtig dosiert, sehr wohltuend sind. Ich lerne dadurch emotional in Kontakt mit mir selbst und meiner Umwelt zu kommen und bin in der Lage mich anderen Menschen wieder anzuvertrauen.

Nächste Woche gehe ich zu einem Zombie – LARP, wobei ich mir einen lang ersehnten Traum erfülle. Für alle die nicht wissen, was ein LARP ist, habe ich den Wikipedia Artikel verlinkt. Wenn ihr ihn gelesen habt, oder sowieso eine Vorstellung habt, was das ist, dann stellt euch nun eine live gespielte Zombie-Apokalypse vor. Soweit, so nerdig.

Darauf aufmerksam wurde ich durch meine ehemalige Improtheatergruppe. Jedes Jahr morden einige Mitglieder mit.  Von der Idee war ich anfangs schon begeistert, das Ticket war daher auch schnell bestellt. Es kamen aber auch einige Zweifel auf. Manche meiner inneren Kritiker fragten sich, welchen Eindruck ich damit bei meinen Eltern hinterlassen werde. Andere mahnten mich, dass alles mögliche auf mich zu kommen könnte; womöglich auch viel schreckliches! Glücklicherweise ist mein Wunsch endlich einmal aus der Routine auszubrechen, größer jeder Zweifel. Die Angst bleibt, aktuell nutze ich sie aber sogar zu meinem Vorteil. Denn durch meine Zweifel ist es mir auch möglich, entsprechend vorbereitet zu sein. Ich weis zum Beispiel, dass ich wenigstens ein bisschen Freiraum brauche. Daher habe ich mir ein Einmann – Zelt gekauft. Eine Teilnehmerin wollte mit dem Auto hinfahren. Ich sprach mit ihr und vereinbarte rechtzeitig eine Zusammenfahrt. Einen Tag bevor ich losfahre, habe ich mir schon Urlaub genommen. So kann ich an jenem Tag noch einmal Lebensmittel und diverses einkaufen, was ich bis dato vergessen haben werde. Einige miner Mitfahrer mögen dies zwar sehr viel entspanter sehen, mir gibt dies aber die nötige Sicherheit die ich brauche, um mich der neuen Situation überlassen zu können. Und während ihnen dann wömöglich noch auf der Fahrt einfällt, dass sie etwas vergessen haben, wird bei mir alles dabei sein um die drei Tage voll und ganz zu genießen.

Chris

Autor*in: Chris

Aufgewachsen als Scheidungskind, lebe ich seit meinen jungen Jahren mit meinem sehr liebenswürdigen Stiefvater und meiner später an Alkoholismus erkrankten Mutter, im schönen Bremen. Im Blog berichte ich von meinen Erfahrungen mit Depressionen, zahlreichen sozialen Ängsten, und dem Weg zu meiner Therapie und Selbsthilfegruppe.

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