Buchstabenspielerin: Ein großes Motto in meinem Leben war immer über meine Grenzen zu gehen. Auch bin ich gerne über Ländergrenzen gegangen und habe mich an körperliche Grenzen gepusht. „Das geht einfach nicht.“ Bei Dingen, die ungerecht waren, galt nicht und erwies sich sehr ist als falsch.
Auf meine Grenzen zu achten war dagegen schwierig und bleibt es noch. Bis zu welchem Punkt will ich etwas geben und was ist mir zuviel? Wo ist der Punkt Stopp zu sagen, zu Anderen oder zu mir selbst (z.B. Zu meinem Ehrgeiz)? Das schließt viel mit ein: Sex, kognitive Leistungsfähigkeit, Zeit und Arbeitsaufwand für Ehrenamt und Uni, Freundschaften. Aber auch meine Komfortzone in der Öffentlichkeit. Was ist mir zu nah? Was möchte ich erzählen und was nicht? Viele verschiedene Dinge, die ich noch am Lernen bin über mich und über die Welt.

Alltagsheldin: Meine Krankheit setzt mir Grenzen, die ich nicht immer gut akzeptieren kann. Dieses kann ich nicht essen, jenes kann ich körperlich nicht leisten. In vielen Lebensbereichen wurden mir Grenzen gesetzt, worauf ich keinen Einfluss hatte. Manchmal ist es so als würden viele Türen gleichzeitig zugeschlagen, wenn man eine Diagnose bekommt. Dann steht man alleine auf diesem langen Flur und der Großteil der Türen ist plötzlich zu. Manchmal mache ich trotzdem eine auf, schnuppere ein wenig an der frischen Luft, die hereinströmt und manchmal gehe ich dann trotzdem hindurch. Ich genieße die Zeit hinter dieser Tür, merke aber die Erschöpfung, wenn ich wieder auf den Flur zurückkehre. Ich kenne den Preis, wenn ich bestimmte Grenzen übertrete oder ausdehne und kann selbst entscheiden, ob es mir das wert ist. Ich kann aber auch innerhalb der Grenzen schöne Dinge erleben. Wenn sich viele Türen schließen, öffnen sich auch neue wie die Tür zur Selbsthilfe, zu der man als gesunder Mensch keinen Bezug hat. Hier habe ich neuen Raum gefunden, in dem ich mich entfalten kann und das ohne meine Grenzen zu übertreten.

HighHopesInBlueSkys: Mir geht es bezüglich der Grenzen ähnlich wie Buchstabenspielerin. Mich beschäftigen derzeit vor allem die inneren bzw. die eigenen Grenzen. Ich bin mein ganzes Leben lang rege über meine Grenzen hinweggegangen, oft unwissend, wo sie überhaupt liegen, zum Teil aber auch ganz bewusst nach dem inneren Leitsatz „Geht schon noch, es muss!“. Im Moment lerne ich mich und meine Grenzen immer besser kennen. Das ist harte Arbeit. Mir fällt deutlich auf, dass es meistens nicht die anderen Menschen aus meinem Umfeld sind, die meine Grenzen missachten, sondern ich selbst. Warum mache ich das!? Weil ich leisten und genügen will, Erwartungen erfüllen – die anderer und meine eigenen. Und die sind ganz schön hoch. Der Unterschied zu früher!? Mehr Bewusstsein dafür, und dass mein Körper und meine Seele mir mit Symptomen und Stimmung nun ganz deutlich zeigen, dass sie da sind, die Grenzen. Und dass mein System es mir ziemlich übel nimmt, wenn ich sie übergehe, das merke ich inzwischen schnell. Ich bin auf dem Weg, auf dem Weg meine Grenzen akzeptieren und achten zu lernen und sie auch mir gegenüber deutlicher abzustecken.

Visionärin: Ich persönlich finde es total wichtig meine eigenen Grenzen zu kennen und dann auch dafür einzustehen. Dies war aber ein langer steiniger Weg den ich gehen musste, um zu erkennen nur wenn ich auf meine eigenen Grenzen acht gebe, kann es mir nur dann auch gut gehen.
Tatsächlich hat mir der letzte Schliff meiner Grenzen erst Corona gebracht. Ich wie viele andere Menschen  auch wurde gezwungen mich zu entschleunigen. Durch die gezwungener Maßen eingeleitete Zwangspause hat mich erleben lassen dürfen, wie gut und wichtig die eigene Grenzen sind.

Kopfstark: Durch meine Angsterkrankung bin ich oft nie an meine Grenzen gegangen, erst recht nicht überschritten. Das hat mich meist davor gehindert, mein volles Potential auszuschöpfen. Sowohl in meiner Leistungssportzeit in der Jugend als auch später im Alltag hat das mich daran gehindert über mich selbst hinaus zu wachsen. Andererseits hatte ich aber auch eine Phase, in der ich ständig oberhalb meiner Grenze gelebt habe, mir ständig zu viel aufgeladen und zugemutet habe.  Daher ist meine Erfahrung mit Grenzen: Es ist gut sie zu kennen und auch hin und wieder zu überschreiten, um sich selbst zu zeigen, was in einem steckt . Allerdings sollte man nicht dauerhaft in einem Extremzustand leben, der einen nicht mehr zur Ruhe kommen lässt

Giraffen-Hermann: Grenzen spielten bei mir besonders in der Kindheit immer eine große Rolle. Ich bin an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen und konnte von meinem Kinderzimmer rüber in den anderen deutschen Staat schauen. Mein Cousin sagte oft: „Da wo wir jetzt hinschauen, werden wir niemals im Leben hingehen können.“ Es war eine belastende traurige Situation. Die Grenze war Alltag, meine Welt war an der Stelle zu ende. Aber zum Glück behielt mein Cousin nicht recht. Wider Erwarten öffnete sich der eiserne Vorhang. Das war einfach  unbeschreiblich, zu erleben wie fremde Menschen einander umarmten, und erwachsene Männer reihenweise weinten. Die Grenze war Geschichte. Das was niemand geglaubt hat, war plötzlich real. Und was im Großen möglich war, ist vielleicht auch im persönlichen Bereich denkbar. Eine Grenze, die für alle Zeiten unüberwindlich scheint, kann eines Tages verschwinden. Natürlich passiert das nicht einfach so, sondern erfordert Mühe und Arbeit mit vielen Misserfolgen auf dem Weg dorthin. Aber es lohnt sich zu kämpfen.

Bossi: In meiner Kindheit und Jugend wurden mir viele ja schon viel zu viele Grenzen gesetzt. Dadurch, dass mir vieles verboten war, wuchs der Reiz eben dieses Verbotenen, so dass ich rückblickend sagen kann, dass meine Suchterkrankung und der Weg zu dazu mit ein Produkt dieser Grenzsetzung war und mein Konsum eine Art Ausbruchsversuch aus diesem Käfig dargestellt hat. Paradoxerweise wurde damit der Käfig, der mich eigentlich vor der bösen Außenwelt mit all ihren Versuchungen abschirmen sollte zu genau dem, wovor er mich eigentlich schützen sollte.

 

 

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Autor*in: Alle zusammen

Wir sind die Blogautor*innen von Lebensmutig. Wir schreiben über unsere Erfahrungen mit Selbsthilfe, über unsere Erkrankungen und Themen und über die Herausforderungen, die wir bewältigen. Manchmal diskutieren wir untereinander über Themen, die uns gerade auf den Nägeln brennen. Dann dokumentieren wir das unter diesem Profil in einem besonderen Beitrag.

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