Ein schwarzer Scherenschnitt von einer Treppe, die von der Seite zu sehen ist. Unten betritt ein Männchen die Treppe und auf der obersten Stufe steht in grüner Schrift das Wort Selbsthilfe.

Hallo!

Warum nannte ich den Beitrag „Treppe“ und nicht „Weg zur Selbsthilfe“? Treppen helfen, steile Strecken zu überwinden.
Genauso war mein Weg in die Selbsthilfe steil und kurz. Bei meiner Diagnose (Legasthenie) war ich 12 Jahre und mit 16 1/2 Jahren war ich nicht nur Teil der Selbsthilfe, sondern organisierte sie schon.

Mein Weg ist geprägt durch Leiden selbst erleben und miterleben, kindlicher Neugier, einem überraschenden Wir-Gefühl, gestärkten Selbstvertrauen und dem Willen dies weiter zu tragen

Unten am Anfang der Treppe steht meine eigene Betroffenheit und meine Familie. Die erste Stufe war eine Jugendfreizeit mit anderen Jugendlichen mit Legasthenie. Die zweite Stufe ist die Juneg Aktive im BVL (JA), meine eigentliche Selbsthilfegruppe für junge Erwachsene mit Legasthenie und Dyskalkulie. Und heute auf der dritten Stufe bin ich nicht nur Teil der Selbsthilfe, ich organisiere und fördere sie.

Aber der Reihe nach. Wie kams dazu?

Der Anfang

Mein jüngerer Bruder wurde zuerst diagnostiziert. Nur durch ihn bemerkte man bei mir die schwächeren, aber ähnlichen Probleme. Demenstprechend war etwa 12 bei meiner Diagnose (normalerweise wird Legasthenie mit 8/9 Jahren festgestellt). Aber auch schon vor der Diagnose kämpfte ich mit der Legasthenie und mit Unverständniss von Anderen. Doch nun hatte ich eine Erklärung.

Die erste Stufe: Der erste S.T.E.P.

Meine Mutter war es, die sich einsetzte, informierte und mir den nächsten S.T.E.P. zeigte.

Wortwörtlich. Denn so heißt eine Jugendfreizeit des „Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V.“ (BVL) für Jugendliche von 13 bis 17 Jahren mit Legasthenie. Ich war wie immer neugierig auf die neuen Bekanntschaften. An sich war da auch die Motivation in Englisch besser zu werden. In dieser Freizeit wird vormittags spielerisch Englisch geübt. Da man mit Legasthenie auch in Fremdsprachen Probleme hat.

Es entpupte sich als jugendlicher Spaß mit Gleichaltrigen und ich fand echte Freunde. Eine Freundschaft von damals hält bis heute.

Außerdem war da dieses unglaubliche Wir-Gefühl und das Gefühl nicht alleine zu sein.

Ich erinnere mich deutlich an eine Szene vor einem Brunnen. Wir saßen in der Stadt beim Eis Essen und beobachteten wie Menschen im Rollstuhl an uns vorbei fuhren. Dann meinte einer plötzlich: „Hey, wir sind doch auch alle behindert.“ Alle lachten. Denn behindert war zum ersten Mal nicht negativ besetzt. Es war etwas, dass uns einte, etwas mit dem man gut leben kann. Da begriff ich zum ersten Mal auch: „Wir? Ja wir, wir sind behindert, uns behindert die Legasthenie, aber das sind wir. Wir zusammen. Ich bin nicht allein.“

Die zweite Stufe: Die Jungen Aktiven im BVL

Drei Jahre in Folge nahm ich an dieser Freizeit teil und kam immer gerne wieder. Doch im vierten Jahr fiel es aus.

Nicht lange davor hatte sich die Gruppe der „Junge Aktive“ (JA) innerhalb des BVL gegründet. Zu deren Wochend-Workshop wurden wir ehemalige STEP Teilnehmer eingeladen. Ich traute mich dank meiner Neugier dorthin. Dazu nahm jene bei STEP gewonnene Freundin mit. Auch wusste ich nun, um die Wohltat des „Wir-gefühls“. Außerdem stimmte mein Alter/ Entwicklung zum Zeitpunkt dieser Einladung: Denn an diesem Punkt war ich erst bereit, mich konkret mit meiner Legasthenie auseinander zu setzten und mit Anderen darüber zu reden.

Das unterscheidet die JA klar von STEP. Sie ist eine Selbsthilfegruppe, keine Freizeit. Ein weiterer Unterschied ist die Alterspanne der JA von 15 bis 35 Jahre. Aber das wunderbare Wir-Gefühl fand ich bei den Jungen Aktiven wieder.

Wegen der großen Alterspanne war etwas eingeschüchtert, doch froh nicht alleine neu und so jung zu sein. Nach einer Weile fand ich Gemeinsamkeiten auch zu den deutlich Älteren. Außerdem lernte ich viel von Ihnen: Einige waren schon durch die Schule, auch durch das Abitur gekommen und ich tankte Zuversicht. Sie machten mir mit ihren Erzählungen Mut. Neben Mut nahm ich noch Wissen nach Hause.Denn bei den Workshops gibt es immer Input von einem Referenten.

Also ich gewann Selbsterkenntnis und mein Selbstvertrauen stieg. Das ließ mich, wann immer es ging, immer wiederkommen zu den halbjährlichen Workshops. Als es im Kampf um einen Nachteilsausgleich richtig schlimm wurde, konnte ich mich auch dazwischen mit diesen lieben Menschen austauschen.

Die dritte Stufe: Ich als Sprecherin

Daraufhin, beeindruckt von meinem Kampf um einen Nachteilsausgleich, wurde ich gefragt. Mich fragte mich Eine aus dem Orga- und Leitunsgteam (Sprecher*innenteam), ob ich nicht auch Sprecherin werden wolle.

Erstmal total überfordert nahm ich dieses Angebot auf und sagte ich sei noch viel zu jung. Mir wurde Mut gemacht und besagte Person erklärte mir, sie sei selbst so jung gewesen am Anfang. Meine eigene Geschichte, die meines Bruders und die vieler Anderer motivierten mich, mich zu engagieren.

Daher stimmte ich zu. Und schon ein halbes Jahr nach meinem Eintritt in die Gruppe, wurde ich zur Sprecherin gewählt. Diese behertze Entscheidung war ein Glück, denn ich wuchs mit meinem Aufgaben. Ich wurde immer selbstbewusster und lernte in der Teamarbeit viel für meine Zukunft. Denn ich habe meine Position in so einem Team gefunden, ich habe vor hunderten von Leuten geredet, bin durch halb Deutschland gefahren und habe eine zwanzig-köpfige Gruppe durch ein Wochenende geleitet.

Auch die Gruppe war zufrieden mit meiner Arbeit. Dieses Jahr wurde ich nach zwei Jahren einstimmig wieder in dieses Ehrenamt gewählt.

Ich werde mich auch weiterhin in der Selbsthilfe engagieren und für andere Selbsthilfe möglich machen. Warum? Weil sie mir selbst soviel brachte.
Sehr viel…Spaß, Selbsterkenntnis, Selbstvertrauen, mehr Wissen, Mut und gute Freunde.

Liebe Grüße und damit JA! zur Selbsthilfe

JA zur Selbsthilfe

Autor*in: JA zur Selbsthilfe

In meinen Beiträgen möchte ich mit dem Klischee rund um Selbsthilfe aufräumen. Ich bin Sprecherin einer jungen Selbthilfegruppe. Wir sind junge Menschen aus der ganzen Republik, ab 15 bis 35. Unsere Themen sind Legasthenie und Dyskalkulie. Wir sind die "Jungen Aktiven im BVL". Mehr zu uns und unserem Dachverband dem Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie e.V. (BVL) hinter den Links unter diesem Beitrag und in meinem Profil 🙂

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