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Während meiner Zeit als Teilnehmer einer Gruppe kam ich häufig in die Situation, mich vorstellen zu müssen. Neben dem kurzen Abriss meinerseits, wer ich so bin, was ich beruflich oder in meiner Freizeit so mache und aus welchem Grund ich eigentlich an dieser Selbsthilfegruppe teilnehme, bekam ich auch den ein oder anderen mal kurzen, mal etwas längeren Abriss der anderen Teilnehmer zu hören. Bei einer länger bestehenden Gruppe und einer längeren Teilnahme an ein und derselben Gruppe kommt es durchaus vor, dass die Vorstellung mancher Teilnehmer von mir häufiger gehört wurde und ich mich selbst mit den immer selben Sätzen vorgestellt habe. Beinahe roboterhaft spulte ich meinen über Monate hinweg eingebrannten Track ab: „Ich bin der …. und …. Jahre alt, studiere …. und bin aus dem Grund …. hier.“
Auch wenn ich persönlich die Vorstellungsrunde für neuere Mitglieder als wichtig empfinde, insbesondere im Hinblick auf ein erstes Kennenlernen, fasste ich den Impuls bei einem längeren Bestehen einer Gruppe den ersten Kontakt von neuen Teilnehmern zu den alten Hasen etwas kreativer zu gestalten. Dabei kam mir die Methode der Lügengeschichte in den Sinn.
Im Folgenden möchte ich euch eine Methode vorstellen, mit deren Hilfe das unter Umständen als monoton empfundene Kennenlernen neuer Mitglieder und die Vorstellung alter Teilnehmer  etwas aufgelockert werden kann.
Die Teilnehmer erzählen einander während der Vorstellungsrunde jeweils eine Geschichte von sich. Eine Geschichte entspricht dabei der Wahrheit und eine Geschichte ist frei erfunden. Dabei ist zu beachten, dass den Teilnehmern ausreichend Zeit zur Verfügung gestellt wird, sich eine wahre und eine erfundene Geschichte einfallen zu lassen. Zwei bis fünf Minuten an Zeit sollte den Teilnehmern gegeben werden, damit diese sich in Ruhe etwas überlegen können und nicht bei der Erzählung der anderen noch an ihren eigenen Geschichten basteln und so dem Erzählten nicht konzentriert folgen können.
Aus der bisher gemachten Erfahrung kann ich sagen, dass das Erfinden von Geschichten dem ein oder anderen etwas schwer fallen kann. Es ist deswegen hilfreich, bereits zu Beginn der Methode den Teilnehmern etwas Hilfestellung zu geben. Ein nützlicher Tipp könnte zum Beispiel sein, bei der erfundenen Geschichte an Dinge zu denken, die Freunden, Bekannten, der Familie passiert sind oder die man im Fernsehen gesehen oder im Internet gelesen hat. Es kann passieren, dass es manchen Teilnehmern schwer fällt, eine erfundene Geschichte zu erzählen, da sie damit schließlich lügen müssen. Hierbei ist es wichtig die Teilnehmer darauf hinzuweisen, dass es nicht um das Anlügen anderer Teilnehmer geht, sondern um das Erzählen von Geschichten und dass die erfundene Geschichte zeitnah aufgelöst wird.
Als Hilfestellung und um dem Erinnerungsvermögen etwas auf die Sprünge zu helfen, kann eine Metaplankarte / Vordruck (A1) / Blatt Papier zur Hilfe genommen werden. Auf diesem notieren die Teilnehmer, die ihre Geschichten erzählt haben, in jeweils einem Stichwort ihre Geschichten, so dass die Zuordnung des Gehörten einfacher fällt.
Ich habe bei der Durchführung der Methode die Erfahrung gemacht, die Teilnehmer von einer anderen Seite kennengelernt zu haben. Ebenfalls konnte ich Dinge von den Stammteilnehmern erfahren, die ich zuvor nicht gekannt habe. Die Methode wurde von den Einzelnen sehr gut aufgenommen. Einige haben sich gefreut, dass sie kreativ tätig werden konnten und dass die klassische und monotone Vorstellungsrunde etwas aufgebrochen wurde. Die ein oder andere Überraschung bleib dabei nicht aus, als Geschichten, die im Gewand einer Lüge daherkamen sich plötzlich als Wahrheit herausstellten.

Jetzt seid ihr gefragt. Habt ihr diese Methode schonmal in der Selbsthilfe oder in einem anderen Kontext ausprobiert? Werdet ihr diese Methode ausprobieren der eher nicht? Welche positiven oder negativen Erfahrungen habt ihr mit dieser Methode gemacht? Wo seht ihr Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge?

Unter den folgenden Links findet ihr eine kurze Beschreibung der Methode und den im Text angesprochenen Vordruck (A1)

Link 1: M1 Lügengeschichte

Link 2: A1 – Lügengeschichte

Ich wünsche euch viel Spaß beim Ausprobieren und freue mich schon auf Verbesserungsvorschläge und eure Erfahrungen mit der Methode 😊

Bossi

Autor*in: Bossi

Vor nicht allzu langer Zeit machte ich eine Ausbildung zum Selbsthilfegruppenleiter. Bei dieser Ausbildung und dem Austausch mit den anderen musste ich feststellen, dass das Konzept einer Selbsthilfegruppe oft sehr statisch ist und nie bzw. nur sehr selten über den Stuhlkreis und die Gesprächsrunde hinausgeht. Auch wenn beides gute und bewährte Methoden sind, um sich auszutauschen, wollte ich meine eigene Gruppe etwas anders angehen und die üblichen Runden einer Selbsthilfegruppe mit ein paar innovativen Methoden etwas beleben. Mir geht es dabei nicht darum, den Stuhlkreis oder die bloße Gesprächsrunde zu sprengen sondern darum, diese durch den ein oder anderen Einsatz einer neuen Methode zu ergänzen. Über eben diesen Einsatz von Methoden in der Selbsthilfe und meine Erfahrungen damit möchte ich im Blog berichten und mich darüber austauschen. Darüber hinaus möchte in unregelmäßigen Abständen auch über mein Leben als Drogenabhängiger und über meine Abstinenz schreiben. Kurz zu meiner Person: Anfang 30, Lehramtsstudent, Mitglied im Theaterverein, Mitarbeiter in einem Schulpräventionsprogramm und Leiter einer Gruppe für Stoffgebundene Sucht.

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