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Gerade zur Weihnachzeit, der Zeit der Familienfeste, kommt in meiner Gruppe vermehrt die Frage auf, wie man sich am Essenstisch verhalten soll wenn es um das Thema Alkohol geht und wie man den eigenen Abstinenzwunsch, keinen Alkohol trinken zu wollen, gegenüber Freunden und Verwandten am besten verbalisiert. Diese Frage führte das Gespräch sogleich zu weiteren und vielleicht sogar viel basaleren Fragen. „Wer aus meinem sozialen Netzwerk weiß überhaupt, dass ich ein Suchtproblem habe?“ „Welcher Person in meinem Umfeld kann ich am besten über meine Sucht sprechen?“ „Wer weiß nichts über meine Vergangenheit, obwohl er / sie mich schon so lange kennt?“
Ich weiß nicht wie es euch dabei geht, mir fällt es zumindest schwer, mein soziales Netzwerk nur mithilfe des Gesprächs zu visualisieren. Häufig bleiben dabei für mich wichtige Personen auf der Strecke, weil sie mir im Moment des Erzählens nicht einfallen oder Personen, die an sich keine so große Rolle in meinem Suchtverlauf spielen, nehmen plötzlich eine prominente Rolle ein. Selbiges gilt für die der anderen Teilnehmer. Schnell werden meinerseits Namen durcheinander gebracht oder Personen falschen Teilnehmern zugeordnet. Besonders dann, wenn mehrere Teilnehmer von ihren sozialen Netzwerken berichten.
Eine Methode, die sich besonders gut für die Visualisierung des eigenen sozialen Netzwerks eignet, ist das „Soziale Atom“. Bei der Methode geht es darum, sein eigenes soziales Netzwerk in Form eines Atommodells, ähnlich dem Schalenmodell aus dem Chemieunterricht, zu visualisieren. Die Aufgabe für die Teilnehmer besteht dabei darin, die Menschen, die ihnen subjektiv wichtig sind oder ihnen emotional etwas bedeuten auf ein Blatt Papier einzuzeichnen. Die Teilnehmer bekommen dazu einen Bogen Papier und Stifte ausgeteilt. Je nach Verfügbarkeit kann es dabei ein DIN-A4 oder ein DIN-A3 Blatt sein. Zuallererst wird ein Punkt in die Mitte des Blattes gezeichnet. Dieser Punkt (Atomkern) steht für den Teilnehmer selbst. Ausgehend von diesem Punkt werden drei Kreise um den Kern gezogen. Die Entfernung der einzelnen Kreise zum Mittelpunkt steht dabei symbolisch für die emotionale Nähe / Distanz zum Teilnehmer. Menschen die im Leben der einzelnen Teilnehmer eine Rolle spielen sollen dabei auf oder in die Kreise gezeichnet werden. Diese können dabei entweder als Männchen oder auch einfach als Symbole (Kreise / Dreiecke etc.) dargestellt werden. Bei der Durchführung habe ich persönlich gemerkt, dass sich geometrische Formen wie Kreise oder Dreiecke besonders gut eignen, da diese nicht viel Zeichentalent erfordern. Ebenfalls ist es hilfreich, die eingezeichneten Menschen mit Namen, Abkürzungen oder Sammelbezeichnungen zu versehen. Besonders hilfreich sind Sammelbezeichnungen für Menschen, mit denen man außerhalb eines bestimmten Kontextes (Verein / Vorlesung etc.) sonst nicht viel zutun hat. Personen, die früher eine wichtige Rolle im eigenen Leben eingenommen haben, können außerhalb der drei Kreise eingezeichnet werden. Da ich in den Räumlichkeiten meiner Selbsthilfegruppe auf ein Flipchart zurückgreifen kann, habe ich auf dieses für die Erklärung der Methode zurückgegriffen.

Nachdem alle Teilnehmer Ihr persönliches soziales Atom fertiggestellt und vorgestellt haben, kann man dieses noch durch weitere Leitfragen ergänzen. Die Teilnehmer können beispielsweise Linien einzeichnen, um beispielsweise die eigene bzw. fremde Redebereitschaft im Hinblick auf Sucht, Rückfallgeschehen oder emotionale Probleme darzustellen.
Ich habe mit der Methode sehr positive Erfahrung gemacht. Neben der besseren Visualisierung des eigenen sozialen Netzwerkes, konnte ich auch einen besseren Einblick in die der anderen Teilnehmer gewinnen. Darüber hinaus entstand eine angeregte Gesprächsrunde, die so gut lief, dass wir nach dem Überziehen der Zeit, bei unserem nächsten Treffen dort angesetzt haben, wo wir zwei Wochen zuvor aufgehört haben. Es war spannend zu erfahren, dass es z.B. Personen in den Netzwerken gibt, die einem zwar emotional sehr Nahe stehen, aber über einen Teil der eigenen Vergangenheit im Grunde nichts wissen. Traurige Momente gab es, als es um Personen ging, die einem in der Vergangenheit sehr Nahe standen und einen essentiellen Einfluss auf das eigene Leben hatten und nun aus Gründen der Abstinenz nicht mehr Teil des eigenen Lebens sein können.

Jetzt seid ihr gefragt. Habt ihr diese Methode schonmal in der Selbsthilfe, für sich selbst oder in einem anderen Kontext ausprobiert? Werdet ihr diese Methode ausprobieren der eher nicht? Welche positiven oder negativen Erfahrungen habt ihr mit dieser Methode gemacht? Wo seht ihr Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge?

Unter den folgenden Links findet ihr eine kurze Beschreibung der Methode und einen Vordruck zum Austeilen

Link: M3 Soziales Atom

Link: Vordruck – Soziales Atom

Vielen Dank dafür, dass Ihr euch die Zeit genommen habt. Ich wünsche euch viel Spaß beim Ausprobieren und freue mich schon auf Verbesserungsvorschläge und eure Erfahrungen mit der Methode 😊

 

Bossi

Autor*in: Bossi

Vor nicht allzu langer Zeit machte ich eine Ausbildung zum Selbsthilfegruppenleiter. Bei dieser Ausbildung und dem Austausch mit den anderen musste ich feststellen, dass das Konzept einer Selbsthilfegruppe oft sehr statisch ist und nie bzw. nur sehr selten über den Stuhlkreis und die Gesprächsrunde hinausgeht. Auch wenn beides gute und bewährte Methoden sind, um sich auszutauschen, wollte ich meine eigene Gruppe etwas anders angehen und die üblichen Runden einer Selbsthilfegruppe mit ein paar innovativen Methoden etwas beleben. Mir geht es dabei nicht darum, den Stuhlkreis oder die bloße Gesprächsrunde zu sprengen sondern darum, diese durch den ein oder anderen Einsatz einer neuen Methode zu ergänzen. Über eben diesen Einsatz von Methoden in der Selbsthilfe und meine Erfahrungen damit möchte ich im Blog berichten und mich darüber austauschen. Darüber hinaus möchte in unregelmäßigen Abständen auch über mein Leben als Drogenabhängiger und über meine Abstinenz schreiben. Kurz zu meiner Person: Anfang 30, Lehramtsstudent, Mitglied im Theaterverein, Mitarbeiter in einem Schulpräventionsprogramm und Leiter einer Gruppe für Stoffgebundene Sucht.

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