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In Selbsthilfegruppen wir doch eh nur gejammert.

Vergangenen Sonntag hatten wir uns von den „jungen Menschen mit Depressionen“ uns zu einem Spielenachmittag verabredet. Wir spielten „Kannibalen aus dem Jungel des Todes“ und „Dixit“. Wir hatten Spaß, aßen snacks, lachten und rangen um den Sieg. Für mich war es der erste fröhliche Nachmittag seit langem. Selbsthilfe ist mittlerweile mehr für mich, als nur das wöchentliche Treffen am Freitag. Es ist auch meine Chance, aus der Isolation herauszukommen und echte Kontakte zu erleben. Mein Familienleben hat mich früh gelehrt, dass man sich nie sicher sein kann. Es kann alles passieren, meistens zu meinem Nachteil. Schon früh war ich deshalb eher für mich. Freunde hatte ich immer wenige, dafür aber richtig gute. Durch meine Therapie weis ich, dass es eben jene waren, bei denen ich die nötige Sicherheit fand um mich zu öffnen.

Vom Alleinsein zur Einsamkeit

Chronische Einsamkeit kommt selten plötzlich, sie ist meist ein langwieriger Prozess. Nachdem ich die Schule für das Abitur gewechselt hatte, war ich plötzlich mehr für mich alleine als sonst. Ich lehnte schon zu Anfang jede Chance ab, Kontakte zu finden. In der vorherigen Klasse endete ich als Mitläufer, echte Freunde auf die ich mich verlassen konnte, hatte ich schon damals nicht mehr. Das wollte ich nicht noch einmal riskieren. Also blieb ich für mich. In den Pausen aß ich dann alleine, zu Freizeitaktivitäten wurde ich nie eingeladen. Das Alleinsein machte mich gefühlt sicher, verletzt werden konnte ich nicht mehr. Dafür wuchs die Angst sich zu öffnen und gesehen zu werden.

Mein Teufelskreis

Mit der Zeit entwickelte ich dann meine eigene Tagesruoutine. Morgens ersteinmal aufstehen, – bloß nicht zu früh! – duschen um sich nicht wie Dreck zu fühlen, den Tag überleben um dann nach Hause zu kommen und zu spielen. Die Einsamkeit durchdrang mich Stück für Stück, bis ich in allem nur noch Gefahr sehen konnte. Jede soziale Begegnung war eine neue Chance, ausgelacht zu werden. Jedes Lächeln, war wie ein Messer zwischen meinen Rippen. Für Begegnungen die ich heute als Flirtversuch beschreiben würde, wollte ich am liebsten für Scham im Erdboden versinken. Irgendwann bin ich an einem Punkt angelangt, andem alle Menschen für mich böse waren.

Neue Wege gehen

Der Schritt zur Selbsthilfe ist in meiner Biografie nicht das erste gemeinsame Jammern in einem Stuhlkreis. Es ein Wendepunkt, der mir geholfen hat, meinen Schutzpanzer abzulegen und anderen Menschen zu vertrauen. Stück für Stück lerne ich nun was es bedeutet, sich gegenüber anderen Menschen emotional zu öffnen. Natürlich macht es mich damit verletzlich, aber ohne die Verletzlichkeit hätten enge Bindungen auch nicht ihren Wert.

chhu

Autor*in: chhu

Aufgewachsen als Scheidungskind, lebe ich seit meinen jungen Jahren mit meinem sehr liebenswürdigen Stiefvater und meiner später an Alkoholismus erkrankten Mutter, im schönen Bremen. Im Blog berichte ich von meinen Erfahrungen mit Depressionen, zahlreichen sozialen Ängsten, und dem Weg zu meiner Therapie und Selbsthilfegruppe.

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