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Gastautor: Chris

Und da war sie also wieder. Die Angst. Die Angst zu versagen, als Versager dazustehen und abgelehnt zu werden. Eigentlich hatte ich mich auf das Treffen gefreut. Am Mittwoch hatte ich wieder ganz fleißig nach Selbsthilfegruppen und Stammtischen gesucht, zu denen ich gehen wollen würde. ENDLICH hatte ich eine Selbsthilfegruppe gefunden, deren Zielgruppe junge Menschen sind. Noch am selben Abend ging die Mail raus. Ich habe mich so gefreut.

Im Bus kamen mir erste Zweifel. Bin ich richtig angezogen? Ich hatte doch gerade ein Vorstellungsgespräch! Eigentlich will ich nach Hause, etwas schlafen. Die Stadt ist anstrengend. Wer erwartet mich dort? Wie werden sie auf mich reagieren? Genauso wie die ältere Dame im Zug, die mich wegen meiner förmlichen Kleidung schnippisch anmachte? Warum sollte es diesmal anders sein? Was hat sich geändert?

Gedanken die ich eigentlich beerdigt glaubte. SCHLUSS. Das ist deine Gelegenheit, neue Leute kennen zu lernen. Fakt ist, du weißt nichts. Das ist das einzige, was du mit Sicherheit sagen kannst. Du wirst das schon schaffen. Die Angst ist normal. Angst will besiegt werden, zu nichts anderes ist sie zu gebrauchen. Stell dir vor, wie du dich fühlen wirst, wenn du heute Abend in dein Tagebuch schreibst, dass du sie besiegt hast!

Dann war ich in dem Gebäude. Zunächst habe ich den Raum nicht gefunden. Gut 20 Minuten saß ich vor dem Falschen, bevor mir gesagt wurde, dass sie sich ganz woanders treffen. Dann stand ich vor der milchigen Glaswand und vor mir die Tür. Und das Zweifeln begann von vorne. Argumente wurden mit Gegenargumenten abgewogen, zwischen eine große Angst stand, die ich diesmal nicht überwunden habe.

Zig mal bin ich rein und wieder raus. Eigentlich wollte ich. Aber es fühlte sich zu gut an, wieder zu gehen. Sich vorzustellen, dass man nächstes mal doch mit passenderer Kleidung kommen könne, das DANN alles besser wird, ist dann doch leichter, als den ersten Schritt zu wagen.

Während unserer ersten Probestunden habe ich meiner neuen Therapeutin von meiner Angst geschildert. Am Mittwoch wollen wir darüber noch einmal reden. Und wenn ich dort nur hätte ein weiteres Vorstellungsgespräch hätte halten müssen, dann wäre ich sicher nicht gegangen. Mich zu verstellen, dass kann ich mittlerweile gut! Aber sich wirklich einmal zu öffnen, seine Schwächen zuzugeben und darüber in einer offenen Runde zu reden, mit Menschen die ich nicht einmal kenne: Das erfordert besondere Stärke.

Nächstes mal gehe ich wieder hin. Diesmal mit meinen neuen Schuhen. Und einem neuen Paket Mut.

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Autor*in: Chris

Aufgewachsen als Scheidungskind, lebe ich seit meinen jungen Jahren mit meinem sehr liebenswürdigen Stiefvater und meiner später an Alkoholismus erkrankten Mutter, im schönen Bremen. Im Blog berichte ich von meinen Erfahrungen mit Depressionen, zahlreichen sozialen Ängsten, und dem Weg zu meiner Therapie und Selbsthilfegruppe.

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