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Auf einmal lag da ein Brief in meinem Briefkasten. Vom Oberbürgermeister der Stadt Dresden. Ich war erst einmal erschrocken. Was will die Stadt denn von mir? Wer ist denn jetzt verstorben, den ich kenne? Habe ich irgendwelchen Scheiß gebaut? Ich legte den Brief erst mal zur Seite und wartete einen Tag, bis ich ihn öffnete. Um so größer war dann meine Überraschung. Es war eine Faltkarte mit goldener Prägung auf der Vorderseite und dem Schriftzug „Einladung“. Und darunter stand Folgendes: „Der Oberbürgermeister lädt Herrn Stephan F. am 26.01.2019 zum Neujahrskonzert für Ehrenamtliche in den Kulturpalast Dresden ein.“

Ich habe mich sehr gefreut und gleich zugesagt. Doch schon ging mir durch den Kopf: was ziehst du an? Dein Konfirmationsanzug passt nicht mehr so ganz! Ein paar Tage später erzählte ich es dann meinen Eltern. Mein Vater war total aufgeregt und wollte gleich eine Kopie von der Einladung machen. Meine Mutter war ganz realistisch: Du brauchst nun neuen Anzug, Dicker.

So habe ich mich mit meiner Mutter vier Tage davor auf die Spur gemacht, unter dem Motto: Anzug kaufen. Als wir in der Anzugabteilung waren, wurden wir auch gleich fündig. Dann hieß es ab in die Umkleide. Dort ging das Spiel los: Hose an, Hose aus, Hose an, Hose aus, Hose passt aber zu lang. Juhu. Dann: Jackett dazu passt. Hemd passt. Verkäuferin suchen, Hose abstecken. Kommentar anhören: Ihr eines Bein ist aber kürzer. Ich habe nur gesagt: Tut mir leid die Reklamtionszeit ist leider vorbei. Weiter ging es am Anzug: Heben Sie mal die Arme. Meine Mutter erklärte, dass meine linke Seite ein wenig gelähmt sei. Die Verkäuferin nahm es zur Kenntnis. Innerhalb von zwei Stunden war das Outfit komplett. Die Hose holte ich zwei Tage später ab.

Der Empfang beim Oberbürgermeister

Nun war es soweit: der Tag des Empfangs. Als ich das erste Mal zu Hause alle Klamotten anhatte, fand ich mich schon schick, und es war ungewohnt. Man(n) trägt ja nicht immer einen Anzug. Bei dem Empfang waren sehr viele bekannte Gesichter dabei, die ich hier und da schon gesehen hatte – in und außerhalb meiner ehrenamtlichen Karriere.

Zuerst einmal ging es mit der Schwafelrunde los. Zunächst eine Frau von der Bürgerstiftung Dresden, die alles organisiert hat. Danach der Oberbürgermeister, der erst einmal gefühlt eine Viertelstunde lang Hinz und Kunz begrüßt hat: alle möglichen Oberbürgermeister von nah und fern und natürlich den Stadtrat, der fast komplett da war. Ich dachte mir: wenn die alle nicht dabei gewesen wären, hätte man noch mehr Ehrenamtliche einladen können. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass auch die Stadtratsvertreter ehrenamtlich arbeiten.

Nachdem der Oberbürgermeister noch etwas zur Bewerbung zur Kulturhauptstadt gesagt hat (ja, Dresden bewirbt sich dafür. Meiner Meinung nach gibt es wichtigere Dinge in Dresden. Ich halte nix von der Bewerbung sorry), wurden noch ausgewählte Personen für Ihr Ehrenamt ausgezeichnet. Darauf möchte ich nicht weiter eingehen. Für mich waren es die Falschen und eine hatte schon mal eine Auszeichnung bekommen. Hey Leute, es gibt so viele andere Ehrenamtliche in Dresden, muss da jemand zweimal so eine Anerkennung bekommen?

Nach der ganzen Auszeichnerei kam zum Abschluss dann ein tolles Orgelspiel. Danach konnte man sich mit Schnittchen und Getränken versorgen. Was sehr gut war und überall rumstand. Natürlich habe ich auch wieder Menschen getroffen, die ich kannte. Aber ich hatte im Hinterkopf noch ein anderes Ziel: finde den Oberbürgermeister und rede mit ihm über Selbsthilfe in Dresden! Nach kurzem hin und her Schauen hatte ich ihn entdeckt. Er war gerade bei einem Pressetermin und ließ sich mit anderen Menschen fotografieren.

Ich bin dann schnellen Schrittes hingegangen. Und habe anständig gewartet. Um ihn herum war eine Mauer von irgendwelchen Mitarbeitern aus dem Büro des Obürgermeisteramtes. Nach kurzer Zeit hatte ich nun endlich die Chance. Er kam auf mich zu und ich bedankte mich erstmal für die Einladung zum Empfang. Danach stellte ich mich vor. Und sagte ihm, dass ich einige Wünsche habe zum Thema Selbsthilfe in Dresden. Er bot mir an, dass ich gerne zu ihm mal in die Bürgersprechstunde kommen kann. Er gab mir noch seine Visitenkarte. Und ich bat ihn noch um ein Foto. Danach verabschiedeten wir uns. Und er ist danach gleich gegangen.

Ich bin dann noch mal zu den Schnittchen gegangen. Habe noch einige Mitglieder von der Jungen Selbsthilfe getroffen und kurz geredet. Wie die es fanden. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr ist mir eingefallen, dass ich doch noch ein Treffen in dem Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen habe.

Die Woche drauf habe ich dann einen Brief an den Obermeister mit meinen Fragen gesendet. Nach etwas längerer Wartezeit auf eine Antwort habe ich nun ein Termin bei ihm bekommen. Mit dem Hinweis, dass ich nur eine Viertelstunde habe. Ich werde mich sehr gut auf dieses Gespräch vorbereiten und bin schon gespannt, wie es wird, am 13. April 2019 um 14 Uhr. Darüber werde ich natürlich hier berichten. Drückt mir die Daumen. Ich sag mir, er ist auch nur ein Mensch.

Dresdener

Autor*in: Dresdener

Ich bin Stephan, 38 Jahre alt und komme aus Dresden. 2005 und 2008 bin ich an einen bösartigen Hirntumor erkrankt. Jetzt bin ich erwerbsunfähig und bekomme Rente. Ich habe eine Selbsthilfegruppe für Hirntumorpatienten und Angehörige gegründet und bin auf verschiedene Weise ehrenamtlich aktiv.

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