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Neues Studium, neue Stadt, neue WG und was natürlich auch nicht fehlen darf: eine neue Selbsthilfegruppe. »Sicherlich ist es für mich jetzt schon einfacher hinzugehen als noch vor einigen Jahren ohne jegliche Selbsthilfeerfahrung«, dachte ich mir. Dieser Gedanke änderte sich schlagartig, als der Tag gekommen war. Schon morgens merkte ich, wie sich ein flaues Gefühl in meinem Bauch verteilt. Im Laufe des Tages hatte es dann meinen Bauch verlassen und sich bis in die Finger- und Fußspitzen ausgebreitet. Meine Beine zitterten und Hitze stieg in meinen Kopf. »Vielleicht sollte ich besser doch nicht hingehen.«

Der erste Eindruck: Ich will zurück zu meiner jungen Gruppe in der Heimat!

Unsicher ging ich die Treppen hoch. Im zweiten Stock sollte sich der Raum befinden. Die Tür stand offen und es waren schon zwei Leute da. Aber ich traute mich noch nicht in den Raum zu gehen. So ging ich noch ein bisschen im Flur hin und her in der Hoffnung, dass mich jemand ansprechen würde. (Ich habe wohl kurz vergessen zu welcher Thematik die Gruppe ist.) Aber ich hatte Glück: Irgendwann kam ein netter Mann, stellte sich mir vor und ging mit mir zusammen in den Raum. Es war ganz anders als ich es kannte. Der Raum wirkte wie ein Klassenzimmer. Jeder saß hinter einem Tisch (versteckt) und ich weiß noch nicht so ganz was ich davon halten soll. Die Tische schaffen irgendwie Distanz und der Raum wirkt nicht so als könne er wirklich eine angenehme Atmosphäre erzeugen. Für das erste Treffen war es aber gut, denn so konnte auch ich mich hinter meinem Tisch verstecken. Das Treffen ging los, als wären alle Anwesenden schon seit Ewigkeiten dabei, sodass ich nicht mal von allen die Namen erfahren habe. »Ich habe so gehofft, dass das die perfekte Gruppe für mich ist«, dachte ich mir und spürte etwas Enttäuschung, als ich zwischen den Männern im Alter von 30 bis 70 saß.

Mein Gedanke vor dem zweiten Treffen: Was mache ich hier bloß?!

Da ich gemerkt habe, dass ich mich trotz des hohen Altersdurchschnitts in vielen Gedanken der Anderen wiederfinden kann, wollte ich dem Ganzen noch eine Chance geben. Man soll sich schließlich nicht zu schnell ein Urteil bilden und oft braucht es wohl auch einfach mehr Zeit, um etwas Neues und Fremdes kennenzulernen. So machte ich mich eine Woche später wieder auf den Weg und kam völlig durchnässt vom Regen an, nur um festzustellen, dass niemand anderes vor dem Raum wartete. In mir kamen direkt sehr negative Gefühle auf und ich fragte mich »Wieso bin ich bloß so blöd und bin wieder hergekommen?«

Aber so negativ die Gefühle in diesem Moment waren, so positiv waren die Gefühle, als ich das Gebäude zwei Stunden später wieder verlassen habe: Der nette Mann vom ersten Mal kam die Treppe hoch und teilte mir mit, dass wir in einen anderen Raum ausweichen müssen. Außerdem mit dabei bei dem Treffen: der 70-Jährige, ein neuer Mann mittleren Alters und eine junge Frau, die zuvor auch erst einmal da war. (Es ist doch gleich sehr erleichternd, wenn man nicht mehr die einzige Neue ist.) Obwohl das wohl nicht so sein soll, hat der nette Mann während der zwei Stunden ein bisschen die Moderation übernommen, sodass jede*r mal zu Wort gekommen ist. Das fand ich super! Denn von alleine hätte ich mich sicherlich nicht getraut etwas zu erzählen.

Ich habe mal wieder gemerkt, dass es sich lohnt, nicht vorschnell zu urteilen und Dingen noch eine Chance zu geben.

[Jetzt sitze ich gerade mit einer Tasse Kakao in meinem neuen Zimmer und merke, wie sich die Aufregung wieder in meinen Bauch geschlichen hat. Denn in zwei Stunden muss ich los – mal schauen, wie das dritte Treffen wird.]

Mutsammlerin

Autor*in: Mutsammlerin

An ein Leben ohne Angst kann ich mich nicht erinnern. Aber ich kann davon träumen, die Angst aushalten und für meine Träume kämpfen.

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