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Von Gastautorin „Strickfehler im Gehirn?“

Der Master-Abschluss ist geschafft, die Promotion kann beginnen! Voller Tatendrang und auch mit etwas Stolz blickte ich vor 2 Jahren auf das zurück, was hinter mir lag – ein Studium, das ich trotz schwerer chronischer Erkrankung mit Auszeichnung abschließen konnte – und freute mich auf das, was kommen würde, der Doctor of Philosophy oder, kurz und akademisch-bündig gesagt, PhD. Für mich war von Anfang an klar, dass ich zu einem Thema forschen möchte, was mich selbst betrifft: Behinderung. Ich wollte die vermeintliche Randgruppe chronisch erkrankte und behinderte Promovierende an der Universität sichtbar machen und zeigen, dass man trotz Einschränkung leistungsstark sein kann. Ich wollte überhaupt etwas an der Universität bewegen, den Elfenbeinturm aus seinem Dornröschenschlaf erwecken und lautstark rufen: Inklusion geht uns alle an!

Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommen würde.

Es fing damit an, dass ich mich entschlossen hatte, mich auf ein Stipendium meiner Alma Mater zu bewerben, weil ich wusste, dass das Promovieren mit Stipendium die nötige Flexibilität bietet,  Arzttermine, unerwartete Krankheitsschübe, Krankenhausaufenthalte etc. unterzubekommen. Beim Bewerbungsprozess war ich mir dennoch unsicher, ob ich meinen Schwerbehindertenausweis erwähnen sollte. Einerseits wollte ich nicht auf den Status als „Behinderte“ reduziert werden aber andererseits stehen mir mit dem Ausweis bestimmte Nachteilsausgleiche zu. Allerdings hätte ich den Ausweis oder den sonstigen Umstand, dass ich eine Behinderung bzw. chronische Erkrankung habe, gar nicht erwähnen können, denn solche Bewerber sind gar nicht vorgesehen: es gab kein entsprechendes Formular dafür. Kein Formular im sonst so bürokratischen und Formular-verrückten Deutschland? Ein kurzer Rückruf in der Verwaltung hat es bestätigt: „solche Fälle gibt es nicht.“ Obwohl ich dieser Aussage wenig Glauben schenken konnte – meine Universität zählt zu den größten Hochschulen in Deutschland – dachte ich mir: Egal, ich bewerbe mich trotzdem!

Das Stipendium bekam ich dann auch. Ich ging von Anfang an offen mit meiner Erkrankung und den daraus resultierenden Konsequenzen um. Mir war von Anfang an klar, dass ich länger für meine Promotion brauchen werde, weil ich aufgrund von epileptischen Anfällen, die mehrfach pro Monat auftreten, einen Zeitverlust habe. Diesen Fakt habe ich nicht beschönigt – ändern lässt es sich sowieso nicht. Meine Epilepsie ist therapieresistent und als solche habe ich sie in mein Leben integriert: Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen! Auch wenn ich versuche, so viel vorzuarbeiten, wie ich kann, wenn mich ein Anfall erwischt bin ich k.o., lege mich ins Bett und ruhe mich aus, um nicht noch einen Anfall zu bekommen. An ein weiterlernen bzw. schreiben für die Uni ist dann nicht zu denken. Das verstehen auch einige Menschen in meiner Umgebung: meine Freunde, die Mitglieder meiner Selbsthilfegruppe, die mir eine große Hilfe sind, meine Kollegen am Institut und Kollegen auf einer Konferenz, wenn ich mal wieder einen Anfall hatte und mich kurz hinlegen muss (alles schon passiert). Nur ein Gremium möchte es nicht verstehen: die Universitätsverwaltung, die für mein Stipendium zuständig ist.

Als ich das Stipendium bekam, wies ich zugleich auf meine Erkrankung und die Verlängerung des Stipendiums als Härtefall hin. Nachdem mir zuerst zugesichert worden war, dass schon noch eine Lösung gefunden werden wird, stellte sich der Kampf um Chancengleichheit an der Universität als deutlich komplizierter dar. Meine Bewerbung, damit mein Stipendium als Härtefall verlängert wird, gleicht dem Versuch von Asterix und Obelix, an den Passierschein A38 zu kommen und manchmal möchte ich genau wie Obelix frustriert im Kreis herumspringen. Das Büro für Chancengleichheit, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, die Schwerbehindertenvertretung, von allen Instanzen bekam ich unisono die Antwort „nicht zuständig“ mit dem Verweis auf die Verwaltung, die mir letzten Endes sagte, das ich eben „ein Sonderfall“ sei. Das zu hören tat weh. Gehören etwa behinderte und chronisch erkrankte Menschen nicht auch an die Universität und in die Mitte der Gesellschaft? Bin ich in einer Sondereinrichtung für „Sonderfälle“ besser aufgehoben, nur weil ich einen Strickfehler in meinem Gehirn habe?

Nun hat sich der Betreuer meiner Doktorarbeit für mich eingesetzt und erwirkt, dass eine Verlängerung für mich wahrscheinlich möglich sein wird. Wenn ich in dieser Zeit, in der sich der Kampf jetzt schon hinzieht (2 Jahre) die Mitglieder meiner Selbsthilfegruppe nicht gehabt hätte, die mir den Rücken gestärkt haben, dann wüsste ich nicht, wo ich jetzt bin. Meine Selbsthilfegruppe ist wie eine zweite Familie für mich, die ich nicht mehr missen möchte.

Was ich euch damit sagen möchte: Holt euch Unterstützung in einer Form die euch gut tut, wenn ihr mit Vorurteilen und Barrieren an der Uni und anderswo zu kämpfen habt. Bleibt damit nicht allein und kämpft für euer Recht auf Bildung!

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