Hoffnung – nur für kurze Zeit

In meinem zweiten Klinikaufenthalt habe ich mein Essverhalten angesprochen und ich durfte über Wochen ein Essensprotokoll schreiben. Wann habe ich Was gegessen, Wieso und Wie habe ich mich davor, währenddessen und danach gefühlt? Langsam schlich sich eine gewisse Normalität ein und ich sollte nurnoch das Essen dokumentieren das einen kompensatorischen Nutzen hatte. Meine Mahlzeiten wurden geregelter und weniger als Mittel zur Regulierung genutzt. Regelmäßige Bewegung und Sport wurden als Mittel eingeführt.

Ich habe es geschafft, ich konnte endlich normaler Essen und falls ich mal aus kompensatorischen Gründen gegessen habe musste ich das nicht direkt bewerten. Ich war froh, hoffnungsvoll, dass es endlich besser wird.

Dann kam meine Entlassung und alles begann von vorne… Zur Suchtdrucksenkung ging das Vollstopfen wieder los. Die Hoffnung habe ich wohl in der Klinik gelassen. Einige Monate bis zu meiner Aufnahme in einer betreuten Wohngruppe, habe ich das was ich in der Klinik an Gewicht verloren habe wieder draufgepackt.

In der WG lief anfangs noch nicht alles Rund aufgrund von Differenzen habe ich mich dort nicht gerade wohl gefühlt. Mein Essverhalten hat immer wieder geschwankt. Die Waage und ich wurden immer nähere Gefährten sie war da wenn ich zu viel gegessen habe und ich es mir bestätigen musste und war da wenn ich zu wenig gegessen habe und ich in Sachen Gewicht einen Fortschritt verbuchen konnte. Obwohl Hungern um Gewicht zu verlieren NIE unter KEINEN Umständen ein Fortschritt oder Erfolg ist.

Bitte einsteigen – wir drehen uns nochmal im Kreis

Einige Wochen ging es gerade wieder gut.

Da ist es wieder, das Verlangen, mich auf die Waage zu stellen um mich sicher zu fühlen. Seit gestern hat es sich wieder eingeschlichen. Gestern noch das Gespräch mit meiner Betreuerin gehabt, wie es aktuell läuft, meine Worte waren: „Gut, eigentlich, ich lasse zwar hier und da das Frühstück aus aber komme trotzdem über drei Mahlzeiten“. Da hätte es mir auffallen müssen, seit einigen Tagen schon habe ich wieder vermehrt gegessen, wieder bis Mittags hungern und dann soviel wie möglich reinstopfen und ich habe es erst garnicht bemerkt. Der Grund? Den kann ich gerade noch nicht ausmachen.

Erst um halb 5 etwas gegessen und dann eine Pizza bestellt. Der Salat war eigentlich schon genug. Dann saß ich auf meinem Bett den Pizzakarton auf meinem Schoß. Da fängt es wieder an, das Spiel, erst riechen, dann wegstellen. Ein bissen und warten. Wie fühle ich mich? Schmeckt eigentlich ganz gut. Sie lacht mich förmlich aus, sie weiß was in mir vorgeht.

Eigentlich will ich gar nicht, sie hat ja einige Kalorien und liegt dann schwer im Magen. „Drei Stücke das wars dann aber“, denke ich mir. Geschafft und jetzt wegstellen, sodass ich sie nicht sehen kann, schließlich heißt es ja „Aus den Augen aus dem Sinn“, von wegen. Joggen gehen, das bringts doch jetzt, den Kalorien entgegenwirken, schließlich bin ich meinem Ziel schon auf den Fersen.

Ich habe seit 2 Wochen wie mir gerade auffällt wieder mein typisches Problem, der Blick in den Spiegel löst es fast jedes mal aus. Zum Duschen ausziehen und dann stehe ich da, für 10 Minuten starre ich mich an. Die Kilos purzeln aber ich sehe es nicht. Der Bauch? Immernoch dick. Ich habe Anzeichen von einer Brust, meine Oberschenkel, naja. Auch wenn die Hosen weniger eng sind, der Blick in den Spiegel löscht jedes Glücksgefühl darüber.

Hier sitze ich nun, schreibe diese Zeilen und warte auf einen Betreuer der später zum Termin vorbei kommt, die Waage im Schlepptau – meine Waage habe ich vor Monaten abgegeben um den routinierten Weg zu meinem trügerischen Freund zu unterbinden. Manchmal da brauche ich ihn trotzdem, ein Stück der Sicherheit, gibt er mir, ich muss nicht spekulieren, ich sehe es, er zeigt es mir an.

Raus aus der Akutphase

Auch wenn mich meine Essproblematik schon länger begleitet und in Schüben oder Phasen kommt kann ich sagen, dass es trotzdem bergauf geht. Ich meine klar hier und dort schleicht sie sich wieder ein, aber ich schaue jetzt viel eher darauf ob sich etwas ändert und wenn es das tut dann spreche ich mit meiner Betreuerin oder meiner Mutter. Ich beginne wieder mir Gedanken zu machen wie ich intervenieren kann um so schnell wie nöglich aus der Akutphase rauszukommen. Da hilft mir immer wieder mir Gedanken zu machen was ich esse. Ich mache einen Plan für die Woche oder die nächsten Tage und kaufe dafür ein. Ich notiere mir ob ich es geschafft habe meine Mahlzeiten zu essen. Auch wenn es etwas dauert mich nach oben zu hangeln, irgendwann klappt es.

Ich höre auf mich zu wiegen, mache erst Sport wenn ich alle Mahlzeiten hatte und diese auch nahrhaft waren. Ich gehe ins Gespräch und beobachte. Es braucht seine Zeit und kostet auch Energie.

Der einzige Weg daraus ist dadurch!

Autor*in: N Blue

Das wird ein Kampf, ein Kampf um meine Gesundheit, ein Kampf um eine glückliche Zukunft und ein zufriedenes Leben. Diesen Kampf kämpfe ich gerne... zumindest die meiste Zeit.

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