Bevor ich meine Langzeittherapie begonnen habe, hatte ich große Angst davor, rückfällig zu werden. Wenn ich mir das Bild des Rückfalls in den Medien anschaue auch kein Wunder. Sobald du rückfällig bist, geht es mir dir bergab. Eine Langzeittherapie folgt auf die nächste. Ein Rückfall bedeutet gleich wieder in den Status Quo  zurückzukehren. Wieder vor den Toren der Entgiftungsstation zu stehen. Ein Drehtürpatient zu werden. Christine F. hat es so gelebt, warum soll es dann bei denn anders sein? Gehört der Rückfall nicht auch zum Krankheitsbild der Sucht? Sehr motivierend das zu wissen und gleichzeitig zu denken, dass mit einem Rückfall alles vorbei ist.

„Du bist Willensschwach!“

„Ja ich bin willensschwach, ein Versager…“

„Wie kannst du uns so etwas antun!“

„Das tut mir schrecklich Leid, dass ihr wegen mir wieder leiden müsst!“

„Ich hatte fest an dich geglaubt, dass es diesmal besser wird…“

„Ich weiß, es wird nie wieder vorkommen…“

Auch wenn ich selbst noch keinen Rückfall hatte, habe ich diese Gedanken oft im Kopf durchgespielt, von meinen Mitpatienten während der Entgiftung oder  den Teilnehmern meiner Gruppe nach einem Rückfall gehört. Rückfall bedeutet gleich in den Abgrund stürzen.

Wohl Kaum!

Solche Ansichten können mit dafür verantwortlich sein, dass sich dieses Denken als eine Selbsterfüllende Prophezeiung einschleift und man sich nach einem Rückfall tatsächlich als ein Versager fühlt. Man muss das Mantra nur lange genug wiederholen, dann schleift sich das auch ein. So erging es mir vor meinem stationären Aufenthalt. Während meiner Langzeitbehandlung konnte ich lernen, dass Rückfall nicht immer gleich Rückfall ist und dieses Stigma, das dem Rückfall anhaftet, durchbrechen.
Was mir dabei geholfen hat, den Rückfall nicht als den absoluten Untergang meiner Abstinenz zu begreifen, war zunächst die begriffliche Trennung von Rückfall und Vorfall. Während ein Rückfall sich (stark verkürzt) dadurch auszeichnet, dass man in sein altes Konsummuster fällt, die Kontrolle über seinen Konsum verliert und beginnt sich und sein Umfeld zu vernachlässigen, ist die Sache beim Vorfall eine Andere. Der Vorfall ist (stark verkürzt) mit einem Ausrutscher auf einer glatten Straße zu vergleichen. Kurz hat man nicht aufgepasst, ist nicht bei der Sache gewesen, hat sich selbst überschätzt und schon kommt man ins Straucheln. Ähnlich verhält es sich mit dem Konsum. Vielleicht hat nur eine kurze Impulsreaktion zum einmaligen Konsum geführt, den man auch gleich beenden konnte. Vielleicht hat eine Notfallstrategie geholfen, nur eine kleine Menge zu konsumieren. Vielleicht konnte man rechtzeitig STOP sagen und damit den Kontrollverlust vermeiden. Wie bei einem Ausrutscher auf der glatten Straße, hat man rechtzeitig reagiert und sich gefangen. Trotz des fest gefassten Wunsches abstinent zu bleiben, kam es zum Konsum und gerade wegen des festen Wunsches abstinent zu bleiben, bleib es bei einem Vorfall und ging nicht in einen Rückfall über.
Neben dieser Erkenntnis, dass der einmalige Konsum nicht gleich ein grenzenloser Abgrund sein muss, hat mir der Satz, dass „der Rückfall und der Vorfall auch eine Chance sein kann“ sehr dabei geholfen, die Angst zu überwinden. Das soll jetzt nicht nach einem Freifahrtschein klingen, jeden Rückfall unter der Prämisse der Chance zu rechtfertigen. Das Wissen darüber, dass der Rückfall / Vorfall durch eine Aufarbeitung alleine, mit guten Freunden, mit der Selbsthilfegruppe, mit den richtigen Angehörigen oder mit Therapeuten zu einer besseren Selbsterkenntnis und Selbsteinschätzung führen kann, wirkt zumindest auf mich sehr beruhigend und nimmt mir die Angst, mit einem einmaligen Konsum in einen endlosen Abgrund aus Zweifeln und Schuld zu sinken.

(Bildnachweis. KünstlerIn: succo Link: https://pixabay.com/de/photos/unfall-verletzung-gefahr-994007/)

Bossi

Autor*in: Bossi

Ich möchte meine eigene Gruppe etwas anders angehen und die üblichen Runden einer Selbsthilfegruppe mit ein paar innovativen Methoden etwas beleben. Über eben diesen Einsatz von Methoden in der Selbsthilfe, meine Erfahrungen damit und meine persönliche Suchtgeschichte möchte ich im Blog berichten und mich darüber austauschen.

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