Seite auswählen

Relativ spontan habe ich die Möglichkeit bekommen zum ersten Mal das Bundestreffen Junge Selbsthilfe zu besuchen. Ich bin mit keinerlei Vorstellungen dorthin gefahren – wusste somit nicht was auf mich zu kommt, sodass es den Charakter eines kleinen Abenteuers hatte. Es wird mir vermutlich schwer fallen mich kurzzufassen, aber ich hoffe, dass ich euch dennoch auf meine Abenteuererfahrung mitnehmen kann – obwohl mein Kopf durch die vielen Gesichter, Geschichten und Erlebnisse durcheinander ist.

Anfangs fühlte ich mich auch ein wenig ziellos, wenn nicht sogar hilflos, da ich bereits sehr früh in Göttingen war und mir dort meine Zeit vertrieb. Zugleich hatte ich Angst den gebuchten Bus zu verpassen oder nicht zu finden – was vollkommen absurd war, da Göttingen gegen die Großstädte, in denen ich mich permanent bewege, ein Witz ist. Tatsächlich flashte mich in den ersten 30 bis 60 Minuten die „Niedlichkeit“ von Göttingen. Der kleine Bahnhof, der Bahnhofsvorplatz/Busbahnhof.
Irgendwann kam unsere Buchstabenspielerin in Göttingen an, was dazu beitrug, dass ich mich nicht mehr so lost fühlte. Bald kamen weitere Teilnehmer/innen des Bundestreffen und zeitnah auch der Bus. Es ging weiter nach Duderstadt.
In Duderstadt angekommen bekamen wir unsere Zimmerschlüssl, richteten uns kurz ein und trafen uns alle nach einem Snack in unserem Hauptraum für dieses Wochenende. Aufgrund der Größe der Gesamtgruppe, lernten wir uns in Partner- und kleineren Gruppenarbeiten kennen. So konnten wir die ersten Kontakte knüpfen. Im weiteren Verlauf beschäftigten wir uns primär mit Themen, welche der Vorbereitung des Folgetags dienten. Unter anderem also was beim Bundestreffen 2017 geschah und was uns dieses Wochenende erwartet. Beim Abendessen ergaben sich weitere Gespräche und ich lernte step by step mehr Leute kennen. Abends gab es dann unter anderem ein Lagerfeuer mit Storytelling, woran ich jedoch aufgrund von Müdigkeit nicht teilnahm. Ich hätte es durchaus geschafft, wollte aber lieber für den nächsten Tag ausgeschlafen sein als direkt vollkommen k.o. zu sein. Selbstfürsorge ist nun mal in jeder Situation wichtig. Schön fand ich, dass man auch, wenn man sich phasenweise zurück gezogen hat, immer ein Teil der Gruppe blieb, da alle sehr aufgeschlossen waren. So viel Aufgeschlossenheit und Akzeptanz der individuellen Bedürfnisse habe ich bisher selten erlebt – um nicht zu sagen nie.
Am nächsten Tag habe ich mich wieder unter die Gruppe gemischt und bin auch mal von A nach B gesprungen: Ich habe mich am Tisch einfach mal zu neuen Leuten gesetzt o.ä. Die Open Space-Runden lagen an diesem Tag im Fokus, sodass viele interessante Themen vorgestellt worden und man sich Themen anschließen konnte. Dabei stellten wir in einer Runde unseren Blog vor. In den anderen beiden Runden landete ich beim Austausch über (bundesweite) Netzwerke. Da ich zu wenigen jungen Selbsthilfeaktiven Kontakt habe, reizte mich dieses Thema. Ich bin bei uns recht „alleine jung“ im Bereich Stoma und Darmkrebs und finde es darüber hinaus sehr interessant was andere Leute in ihren Selbsthilfegruppen machen, wie die Gruppentreffen aufgebaut sind usw. Mit vielen Anregungen endete der Abend. Ein kleines Konzert fand statt, anschließend war Disco und da ich nicht so die Partymaus bin, war ich mit einigen in der Bibliothek und hatte emotionale und später auch sehr lustige Gespräche. Selten habe ich in so kurzer Zeit so viel gelacht. Mir tat mein ganzer Hals vom Lachen weh und meine Stimme verabschiedete sich ein klein wenig. Warum auch immer landeten wir durch ein zwei Youtubevideos beim „Wenn du ein Tier wärst, welches Tier wärst du dann?“. Mit der Zeit etablierte sich, dass jede Person, die neu in den Raum kam diese Frage beantworten musste. Ich war die einzige, die sich nicht klar einem Tier zuordnen konnte, da ich mich wie eine Mischung aus einem Löwen und einer Gazelle fühle. Manchmal bin ich sehr stark in meiner Persönlichkeit und manchmal befinde ich mich auf der Flucht vor mir selbst oder vor anderen. Die Tatsache, dass die Mischung aus einem Löwen und einer Gazelle bedeutet, dass man Jäger und Beute zugleich ist, trug natürlich zur Belustigung aller bei.
Gegen halb 1 beschloss ich dann ins Bett zu gehen, da ich heute erst sehr spät Zuhause ankomme. Gerne hätte ich die genialen Gespräche fortgeführt, aber wenn es am schönsten ist, ist manchmal Zeit um aus der Situation rauszugehen.

Heute hatten wir dann die Aufgabe eine eventuell neue Brieffreundschaft zu Selbsthilfe-Kontaktstellen zu pflegen. Wir erhielten in zufälligen Gruppen einen Brief einer Kontaktstelle und durften einen Antwortbrief verfassen. Den Austausch, der durch diese Fragen zustande kam, nahm ich als Bewusstwerdung diverser Selbsthilfetätigkeiten wahr und man erhielt einen Einblick in die Selbsthilfeaktivität und Organisation der anderen. Mehr kann ich dazu momentan gar nicht sagen, da noch alles frisch und durcheinander in meinem Kopf ist. Weiterhin wurden gegen Ende einige wichtige Themen des Open Space zusammengefasst, sodass jeder der wollte sich für die Zukunft eine Aufgabe suchen konnte. Ich werde versuchen mich an der Vernetzung zu beteiligen. Abschließend wurde noch ein Foto gemacht sowie eine Reflexionsrunde. Darin wurde für mich nochmal deutlich, was für besondere Menschen beim Bundestreffen waren und ich mit dem Gefühl der Offenheit und eine besonders starken Form der Wertschätzung durch die Gruppe nicht allein war. Ich hätte gerne noch mehr Zeit mit allen Teilnehmer/innen des Bundestreffens verbracht, doch solch ein Treffen ist endlich.

Ich hoffe, dass ich viele Menschen wiedersehen werde. Unser Wheely Girl werde ich sicher bald besuchen, da wir nicht so weit voneinander entfernt wohnen und ich sie sehr lieb gewonnen habe. Ebenso hoffe ich, dass sich unser Blogteam eines Tages wieder trifft, da wir ein bisschen wie eine kleine Familie geworden sind, wo jeder ein Ohr für den anderen hat. Da wir uns auch im realen Leben gut verstehen und beieinander Krafttanken können – behaupte ich einfach mal – wäre das wirklich schön.

Dickdarmlos

Autor*in: Dickdarmlos

Die Verdauungsorgane, insbesondere der Darm, sind für viele ein absolutes Tabuthema. Es ist ekelig, man möchte nicht darüber sprechen und erst recht nichts darüber hören. Doch was ist, wenn du mit einem Gendefekt auf die Welt kommst und dein Darm früher oder später in den Mittelpunkt deines Lebens rückt? Ich habe FAP, sodass mein Darmkrebsrisiko bei beinahe 100% liegt. Mein Dickdarm war 2013 von Polypen übersät, sodass er entfernt wurde, ich vorübergehend ein Stoma (künstlichen Darmausgang) hatte und seit 2014 mit J-Pouch lebe.

in Zusammenarbeit mit:

Logo Schon mal an Selbsthilfegruppen gedacht?